Was für ein „Punch“! – ROCKY in Tecklenburg schlägt sich exzellent!

Veröffentlicht am 20. Juni 2026 um 21:34

Rocky (Lucas Baier, oben) träumt vom großen Sieg
Foto: ©Stefan Hübsch

Erstaufführung auf der Freilichtbühne Tecklenburg 

„Rocky – Das Musical“ wurde erstmals 2012 durch Stage Entertainment als hochemotionales Live-Theater-Erlebnis in Deutschland auf die Bühne gebracht. Es war die weltweit erste Adaption des dreifach Oscar-prämierten Filmklassikers von und mit Sylvester Stallone. Die Produktion verband ein packendes Sportdrama mit einer tiefgründigen Liebesgeschichte über die Botschaft, nach jedem Fall wieder aufzustehen. Die mitreißende Musik stammt aus der Feder von Stephen Flaherty, die Songtexte verfasste Lynn Ahrens. Seine Weltpremiere und deutschsprachige Erstaufführung feierte "Rocky" somit am 18. November 2012 im Stage Operettenhaus auf der Hamburger Reeperbahn und lief dort knapp drei Jahre. Die aufwendige und rund 15 Millionen US-Dollar teure Produktion setzte damals neue Maßstäbe im Bühnendesign. Ein besonderer Höhepunkt war der mobile Boxring, der für das Finale direkt in die Zuschauerränge geschoben wurde.

Umso gespannter war ich auf die Premiere auf der großen Freilichtbühne in Tecklenburg.

Das authentische Bühnenbild von Jens Janke
Foto: ©Stefan Hübsch

Die Show spielt 1976 in Philadelphia. Rocky Balboa (Lucas Baier) führt ein trostloses Leben in den Arbeitervierteln von South Philly. Er boxt in drittklassigen Hallen für wenig Geld und verdient seinen Lebensunterhalt als Handlanger für den lokalen Kredithai Tony Gazzo (Mathias Meffert). Obwohl Rocky Schulden eintreiben muss, besitzt er ein weiches Herz und drückt oft ein Auge zu. Von seinem alternden Trainer Mickey (Benjamin Eberling) wird er als talentverschwendend beschimpft und verliert sogar seinen Spind.

Rockys Lichtblick ist die schüchterne Adrian (Celena Pieper), die im örtlichen Tierfachgeschäft arbeitet. Mit viel Geduld und unbeholfenem Charme schafft er es, ihr Vertrauen zu gewinnen. Nach einer Verabredung am Thanksgiving-Abend auf einer Eisbahn kommen sich die beiden näher und verlieben sich.

Gleichzeitig plant der charismatische, unbesiegte Schwergewichtsweltmeister Apollo Creed (Vic Anthony) einen gigantischen PR-Kampf zum anstehenden 200. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Als sein geplanter Gegner verletzungsbedingt ausfällt, beschließt Apollo – getrieben vom amerikanischen Traum, dass es jeder schaffen kann –, einem Newcomer eine Chance zu geben. Die Wahl fällt auf Rocky, dessen Kampfname „Der italienische Hengst“ perfekt für die Medienvermarktung klingt. Rocky ist fassungslos, als er das Angebot erhält, gegen den Champion anzutreten.

Im zweiten Teil zögert Rocky zunächst, nimmt aber die Herausforderung schließlich an, um zu beweisen, dass er kein Versager ist. Sein Ziel ist es, die vollen 15 Runden gegen Apollo Creed durchzustehen. Trainer Mickey versöhnt sich mit Rocky und bereitet ihn mit einem gnadenlosen Training intensiv vor. Währenddessen zieht Adrian trotz heftiger Proteste ihres Bruders Paulie bei Rocky ein, um ihm emotionalen Rückhalt zu geben.

Der dramatische Weltmeisterschaftskampf bildet den Höhepunkt des Musicals. Apollo unterschätzt Rocky, der trotz schwerer Treffer immer wieder aufsteht und dem Champion einen erbitterten Schlagabtausch liefert. Am Ende gewinnt Apollo zwar hauchdünn nach Punkten, doch Rocky feiert sich als moralischer Sieger und sinkt im Ring seiner großen Liebe Adrian in die Arme.

In Tecklenburg wird die Bühne (Jens Janke) geschickt in mehrere Spielbereiche und Ebenen eingeteilt und löst so das Thema der Größe der Freilichtbühne perfekt. So befindet sich unten rechts das Boxstudio, in dem Rocky seinen Spind verliert. In der Mitte, hinter aufschiebbaren Fahrwänden aus Backstein, befinden sich dann die intimeren Spielbereiche wie Rockys Wohnung oder Apollo Creeds Marketing-Office. Auf der linken Bühnenseite liegt das liebevoll mit Accessoires ergänzte Zoofachgeschäft, in dem Adrian arbeitet.

Sehr unterhaltsam bei der Premiere war, dass sich die Schiebetür zu Rockys Wohnung in einer Szene nicht sofort öffnen ließ und der charmante und trotz heißer Sommertemperaturen stets entspannt wirkende Rocky kommentierte: „Ich glaube, ich muss mal den Hausmeister rufen.“ Spätestens jetzt hatte Lucas Baier nicht nur die Zuschauerherzen, sondern auch Adrians Herz voll auf seiner Seite.
Sein Rocky ist sehr an das Original des Films angelegt. Durch seine körperlichen Voraussetzungen überzeugte Baier nicht nur beim Reifenschmeißen und bei Liegestützen auf einem Arm, sondern besonders durch seine ausgefeilte Spiel- und Gesangstechnik und einen enormen, gut geführten Körpereinsatz.

Celena Pieper als Adrian spielt ebenso glaubwürdig auf Augenhöhe und löst jeweils nach ihren Solos frenetischen Applaus aus. So glaubwürdig kreiert sie „Wenn es weiter regnet“, und spätestens bei der Abrechnung mit ihrem betrunkenen Bruder (großartig und stark gespielt von Gerben Grimmius) mit „Vorbei“, brechen alle Dämme. Großes Kino, diese Frau mit einer so großen Stimme erleben zu dürfen!

Benjamin Eberling spielt den knarzenden und in die Jahre kommenden Trainer Mickey äußerst glaubwürdig. Er zieht gekonnt einen guten schauspielerischen Bogen, indem er später frühere Fehler eingesteht und Rocky wieder unterstützen möchte. Er bereitet Rocky auf den Kampf mit Apollo Creed (Soul in der Stimme und Stärke im Körper: Vic Anthony) vor und gibt ihm klare Regeln auf – unter anderem, auch unterhalb der Gürtellinie nun erstmal brav zu bleiben.

Die Kostüme von Fabienne Ank machen Freude und lassen die Darstellenden toll wirken – wie zum Beispiel das funkelnde Jackett im Amerika-Flaggen-Design von Apollo oder schicke rote Glitzerröcke mit blauen Perücken (Maske: Philip Hager).

Insgesamt steht ein wunderbar ausgestatteter und der Zeit entsprechender Cast auf der Bühne. Bei 30 Grad Außentemperatur noch winterliche Gefühle entstehen zu lassen, sorgte zwar bei der Premiere auch für den einen oder anderen Lacher, gelang aber irgendwie dennoch ohne größere Glaubwürdigkeitsverluste.

Foto: ©Stefan Hübsch

Die flotte und einsatzfreudige Regie von Janina Niehus verleiht nicht nur den Szenen einen spannenden Lauf, sondern verleiht auch den Momenten der Boxkämpfe – die durch Freeze-Momente in Zeitlupe eingefroren werden – und den Trainingsszenen eine enorme Stärke. Es wird nie langweilig in dieser Rocky-Variante, und es gibt immer etwas zu entdecken und zu staunen. Clevere Änderungen und auch geschickte Kürzungen verleihen der Open-Air-Variante ein insgesamt wunderbares Tempo!

Neben den spektakulären Fight-Szenen sind auch Adrians Kolleginnen und Freundinnen mit ihrem Song „Feiertag“ ein Highlight des zweiten Teils: Gloria (stimmlich stark: Esther-Larissa Lach), Joanne (Gioia Heid) und Angie (Lara Schitto).
Faye Heather Anderson platziert mit ihrer Choreografie den großen Cast gekonnt und hat mit Co-Choreograf Alec Agalarov einen starken Kollegen an ihrer Seite. Gemeinsam schaffen sie immer wieder sehr abwechslungsreiche und sehr anschauliche Bilder, sodass man manchmal meinen könnte, einen Film zu schauen.

Die musikalische Leitung (Giorgio Radoja) führt das kleine Orchester schmissig an und lässt Gänsehautmomente entstehen.
Zu Beginn der besuchten Vorstellung war der Sound noch sehr verhalten, zog dann aber im Verlauf insgesamt an. Die Reporter und die Presseszenerie sowie die Bandansagen waren oft kaum bis gar nicht zu verstehen. Hier könnte man gegebenenfalls vielleicht ja noch etwas nachjustieren.

Es geht im Leben nicht immer darum zu gewinnen, sondern erhobenen Hauptes und mit Würde durchzuhalten. Ein jeder Mensch – egal wie tief er gerade am Boden ist – verdient eine erneute Chance und kann über sich hinauswachsen, wenn er nur den Mut aufbringt, auch dafür zu kämpfen.
Der größte Triumph ist nicht ein sportlicher Titel oder Ruhm, sondern der Rückhalt und die Liebe eines anderen Menschen.
Dieser Rocky von Tecklenburg führt die jeweils 1.800 bis 2.320 Zuschauer mit dieser Version von „Rocky – Das Musical“ stark hinein ins Gefühl. Er lässt enorm mitfiebern bei den zwischenmenschlichen Dramen, den anheizenden sportlichen Momenten und dem, was wirklich wichtig ist: der Liebe und der Energie zwischen Menschen!

Es wird nicht mein letzter Besuch und Blick auf einen exzellenten Punch gewesen sein, denn diese Produktion lohnt sich und schreit nach einem erneuten „Fight for the heart“.

Stefan Hübsch

Schlussapplaus
Foto: ©Stefan Hübsch

Rocky - Das Musical

Kreativteam

Musik: Stephan Flaherty
Gesangstexte: Lynn Ahrens / deutsch von Wolfgang Adenberg
Buch: Thomas Meehan und Sylvester Stallone
Deutsch von Wolfgang Adenberg (Gesangstexte) und Ruth Deny (Dialoge) 

Regie: Janina Niehus
Musikalische Leitung: Giorgio Radoja
Choreografie: Faye Heather Anderson
Co-Choreografie: Alec Agalarov
Bühnenbild: Jens Janke
Kostümbild: Fabienne Ank
Maskenbild: Philip Hager
Regie-Assistenz: Michael Berres
Dance Captain: Jan Altenbockum
Chor-Einstudierung: Gülfidan Söylemez

 

Besetzung

Rocky Balboa: Lucas Baier
Adrian Pennino: Celena Pieper
Apollo Creed: Vic Anthony
Mickey Goldmill: Benjamin Eberling
Paulie Pennino: Gerben Grimmius
Gloria: Esther-Larissa Lach
Joanne: Gioia Heid
Angie: Lara Schitto
Gazzo / Ensemble: Mathias Meffert
Jergens / Ensemble: Jan Altenbockum
Buddy / Ensemble: Tim Grimme
Shirley / Ensemble / Cover Adrian Pennino: Lisa Kolada
Linda / Ensemble: Franziska Wagner
Spider Rico / Ensemble / Cover Rocky Balboa: Jürgen Brehm
Mike / Tony Leonardo / Ensemble: Christian Rosprim
Dipper / Ensemble: Daniel Délyon
Bob Dunphy / Ensemble: Niklas Roling
Tommy Crosetti / Ensemble: Tillmann Schmuhl
Apollos Trainer / Ensemble: Christian Julios
Ringrichter / Ensemble: Henk Nagel
Apollo Girl / Ensemble: Myriam Akhoundov
Apollo Girl / Ensemble: Anneka Dacres
Apollo Girl / Ensemble: Lara De Toscano
Apollo Girl / Ensemble: Annika Hagen
Apollo Girl / Ensemble: Melissa Laurenzia Peters
Apollo Girl / Ensemble: Julia Waldmayer
Swing: Michael Berres