"Der Medicus" in Tecklenburg - Wo Wissen zur Berufung wird

Veröffentlicht am 9. August 2026 um 13:07

Rob Cole (Thomas Hohler, oben, 4.v.r.) mit Mirdin (Michael Berres, oben 3.v.l.) im Palast von Schah (Gerben Grimmius, Mitte) in Isfahan  
Foto: ©Daniel Lagerpusch

„Der Medicus“ bei den Freilichtspielen Tecklenburg 2026

Ein englischer Waisenjunge durchquert die bekannte Welt, um im persischen Isfahan das Heilen zu erlernen. Noah Gordons weltberühmte Geschichte besitzt alles, was ein großes Freilichtmusical braucht – doch die Tecklenburger Aufführung zeigt neben eindrucksvollen Bildern auch deutliche dramaturgische und technische Schwächen.

Ein gelehriger Schüler mit Charisma, Rob Cole (Thomas Hohler, vorne Mitte) mit Bader (Benjamin Eberling, hinten) und Ensemble
Foto: ©Daniel Lagerpusch

Rob Cole (vielschichtiger und großartiger Thomas Hohler) kann durch die Berührung eines Menschen spüren, wenn dessen Tod bevorsteht. Diese Gabe wird zum Ausgangspunkt seines Lebenswegs. Nach dem frühen Verlust seiner Eltern nimmt ihn ein fahrender „Quacksalber“ und Bader (prägend und präsent Benjamin Eberling) auf. Bei ihm lernt Rob erste Behandlungsmethoden, erlebt aber ebenso die Grenzen einer Heilkunst, die vielfach aus Erfahrung, Aberglauben und geschickter Geschäftemacherei besteht. Als er von Ibn Sina – im Abendland Avicenna (schöne dunkle Stimme von Wolfgang Höltzel) genannt – und dessen Medizinschule hört, fasst er einen kühnen Entschluss: Er will nach Isfahan reisen und bei dem berühmten Gelehrten studieren.

Auf dem Weg begegnet er Mary Cullen (klarer Sopran von Navina Heyne) und findet in ihr Liebe und emotionale Heimat. In Persien muss er jedoch seine christliche Identität verbergen, weil ihm sonst der Zugang zur Schule verwehrt bliebe. Unter dem Namen Jesse ben Benjamin gibt er sich als Jude aus. Studium, Pest, Krieg und die Macht des Schahs stellen ihn schließlich vor die Frage, wie weit ein Arzt für Erkenntnis gehen darf und wem sein Wissen dienen soll.

Mary Cullen (Navina Heyne)
Foto: ©Daniel Lagerpusch

Nicht die Fuldaer Fassung

Für die Einordnung ist wichtig: In Tecklenburg läuft nicht das 2016 in Fulda uraufgeführte Musical von Dennis Martin,  Marian Lux, Christoph Jilo und Wolfgang Adenberg. Zu sehen ist die 2018 in Madrid entstandene spanische Fassung „El Médico“ von Iván Macías und Félix Amador, die 2023 ihre deutschsprachige Erstaufführung hatte. Die deutsche Übersetzung stammt von Hartmut H. Forche und Jaime Roman-Briones. Obwohl beide Adaptionen weitgehend dieselben Romanepisoden auswählen, unterscheiden sie sich musikalisch erheblich. Während Martins Werk stärker mit eingängigen Popstrukturen arbeitet, setzt Macías auf eine symphonische, breit angelegte Musicalsprache.

Starke Bilder und präzise Personenführung

Robs Erkenntnis des nahenden Todes (Tillmann Schmuhl, vorne) eines Menschen begleitet schon den jungen Rob Cole (in der besuchten Vorstellung: Rija Holthaus) Foto: ©Daniel Lagerpusch

Werner Bauer (Regie) findet einprägsame Bilder für Robs innere Erfahrung. Immer wenn dessen geheimnisvolle Gabe den nahenden Tod erkennt, erscheint eine Todesgestalt in seiner Nähe. Das Unsichtbare erhält so eine körperliche Präsenz. Ebenso wirkungsvoll gerät das Schachspiel zwischen Rob und dem Schah: Übergroße menschliche Schachfiguren verwandeln die Partie in ein Gleichnis über Macht, Strategie und die Verfügbarkeit menschlichen Lebens.

Gemeinsam mit Choreograf Bart De Clercq erzählt Bauer auch die kulturellen Gegensätze über Bewegung. Das englische Volk wirkt gebeugt, schwer und von Armut gezeichnet; in Isfahan richten sich die Körper auf, die Abläufe werden fließender. Jens Jankes Bühne und Fabienne Anks Kostüme verstärken den Wandel von der grauen Enge Englands zur farbigen Pracht Persiens. Philip Hagers Maskenbild und der von Ralf Junghöfer einstudierter Chor runden die großen Massenszenen ab. Bei den Kostümen stechen besonders die Kostüme der Haremsdamen (herrlich funkelnd) und die Kostüme des Schahs (Kopfbedeckung mit Schachfigur) und sein Visiers (schwarzes Funkelkostüm) hervor.

Lebendige Schachfiguren - der Schah (Gerben Grimmius, oben Mitte) mit Schachfigur auf dem Turban und Figuren aus dem Ensemble
Foto: ©Daniel Lagerpusch

Große Stimmen – aber ein schwaches Sounddesign

Das 26-köpfige Orchester unter der musikalischen Leitung von Juheon Han verleiht Iván Macías’ Partitur Kraft und symphonische Fülle. Eine solche Orchestergröße ist im heutigen Musicalbetrieb bemerkenswert. Umso bedauerlicher ist es, dass das Sounddesign in der besuchten Vorstellung mit dieser musikalischen Qualität nicht Schritt hielt.

Die sprachliche und gesangliche Verständlichkeit blieb über weite Strecken unbefriedigend. Stimmen verschwammen, mehrstimmige Passagen ließen sich nicht sauber auseinanderhalten. Besonders gravierend war ein Septett, dessen Text nahezu vollständig verloren ging. Wo musikalische Vielschichtigkeit entstehen sollte, erreichte das Publikum vor allem eine wenig konturierte Klangfläche.

Das Ausmaß des Problems zeigte sich im ausverkauften Zuschauerraum besonders deutlich: Das Öffnen von Getränkedosen und Flaschen, Rascheln und sogar das Schmatzen einzelner Gäste waren zeitweise deutlicher wahrzunehmen als die Texte von der Bühne. Publikumsgeräusche gehören zu einer Freilichtaufführung. Wenn sie jedoch mühelos mit den verstärkten Stimmen konkurrieren, handelt es sich nicht mehr um eine Nebensache. Dann wird aus einem technischen Mangel ein künstlerisches Problem. Bei einem handlungsreichen Werk ist Textverständlichkeit eine Grundvoraussetzung des Erzählens.

Ein Abend, der seine Länge spüren lässt

Mit offiziell rund zwei Stunden und 55 Minuten, einschließlich Pause, ist „Der Medicus“ ein sehr langer Musicalabend. Episches Erzählen darf Zeit beanspruchen; diese Zeit muss jedoch dramaturgisch gerechtfertigt sein. Das gelingt hier nicht durchgehend. Robs Kindheit und seine Jahre beim Bader werden so ausführlich entfaltet, dass der erste Teil trotz humorvoller und berührender Szenen wiederholt an Spannung verliert. Einige Gedanken werden mehrfach musikalisch oder szenisch bekräftigt, obwohl sie längst verstanden sind.

Erst mit der Ankunft in Isfahan greifen Studium, Tarnung, Liebe, Pest und Machtpolitik enger ineinander. Der zweite Teil entwickelt dadurch mehr Dynamik, kann den Eindruck der Überlänge aber nicht vollständig aufheben. Die starke Regie und die bewegungsreichen Choreografien beleben viele Passagen; sie können die strukturellen Längen des Musicalbuchs jedoch nicht beseitigen. In Verbindung mit der schwachen Bühnenverständlichkeit wird die Dauer besonders anstrengend: Wer über Stunden konzentriert zuhören muss, um Dialoge und Liedtexte überhaupt zu erfassen, erlebt jede dramaturgische Schleife umso deutlicher.

Rob Cole (Thomas Hohler, l.) strebt nach einer Erkenntis der Ursachen des Todes, mit seinem Lehrer Avicenna (Wolfgang Höltzel, r.) bei einem Toten
Foto: ©Daniel Lagerpusch

Eine starke Besetzung

Thomas Hohler führt als Rob Cole glaubhaft vom neugierigen Baderlehrling zum verantwortungsbewussten Arzt. Navina Heyne gibt Mary Cullen Klarheit und Präsenz. Wolfgang Höltzel stattet Avicenna mit Würde und menschlicher Wärme aus, während Gerben Grimmius den Schah mit charismatischer Autorität und unterschwelliger Gefahr zeichnet. Benjamin Eberling gehört als Bader zu den prägenden Darstellern des Abends: Sein Scharlatan ist Marktschreier, Überlebenskünstler und zugleich überraschend fürsorglicher Ersatzvater. Humor, Herz und Bühnenenergie machen ihn zu weit mehr als einer komischen Nebenfigur.

Fazit

„Der Medicus“ bietet großes Freilichttheater mit eindrucksvollen Bildern, einer starken Besetzung und einem außergewöhnlich groß besetzten Orchester. Die Todesfigur, das menschliche Schachspiel und die körperlich erzählten Gegensätze zwischen England und Persien zeigen die Fantasie der Inszenierung. Diesen Stärken stehen jedoch zwei schwerwiegende Schwächen gegenüber: einer extremen, nicht immer gerechtfertigten Länge und einem Sounddesign, das Sprache und Gesang nicht zuverlässig transportiert.

Der Abend macht das gewaltige Potenzial von Macías’ Werk sichtbar – er hätte aber eine noch konsequentere Straffung und eine andere Tonabmischung verdient, die dem gesprochenen und gesungenen Wort denselben Rang einräumt wie der orchestralen Wucht.

Auch wenn mir persönlich Arztbesuche keine große Freude schenken und mir die Wartezeit im ersten Teil deutlich zu lang erschien, schenkt Tecklenburg einem immer wieder besonders magische Musiktheater-Produktionen auf hohem Niveau, an diesem ganz besonderen Ort. Und am Ende habe auch ich Gefallen gefunden an diesem Medicus. 

Stefan Huebsch

Farbiges Persien und seine Bevölkerung
Foto: ©Daniel Lagerpusch

Der Medicus - Das Musical

Kreativteam

Musik: Iván Macías
Text: Félix Amador
Buch: Félix Amador & Iván Macías
Deutsche Fassung: Hartmut H. Forche & Jaime Roman-Briones

Regie: Werner Bauer
Musikalische Leitung: Juheon Han
Choreografie: Bart De Clercq
Bühnenbild: Jens Janke
Kostümbild: Fabienne Ank
Maskenbild: Philip Hager
Regie-Assistenz: Annika Hagen
Dance Captain: Jan Altenbockum
Einstudierung Kinder: Navina Wanzelius
Chor-Einstudierung: Ralf Junghöfer

Produktionsfotografie: Daniel Lagerpusch

Besetzung

Rob Cole: Thomas Hohler
Mary Cullen: Navina Heyne
Bader: Benjamin Eberling
Schah / Edgar Thorpe: Gerben Grimmius
Avicena / Fritta: Wolfgang Höltzel
Quandrasseh / Ensemble: Mathias Meffert

Mirdin / Ensemble: Michael Berres
Karim / Ensemble: Jürgen Brehm
Merlin / Ensemble: Jan Altenbockum
Agnes / Ensemble: Lisa Kolada
Meir / Ensemble: Christian Rosprim
Simón / Ensemble: Niklas Roling
Tuveh / Ensemble: Tim Grimme

Ensemble: Myriam Akhoundov, Anneka Dacres, Lara De Toscano, Daniel Délyon, Christian Julios, Esther-Larissa Lach, Henk Nagel, Janina Niehus, Melissa Laurenzia Peters, Lara Schitto, Tillmann Schmuhl, Gülfidan Söylemez, Franziska Wagner, Julia Waldmayer

Swing: Annika Hagen