„Sunset Boulevard“ in Karlsruhe - eine filmische Inszenierung mit großem Klang und einer hinreißenden Norma

Veröffentlicht am 6. Oktober 2026 um 21:14

‚‚Nur ein Blick‘ – Norma Desmond (Vasiliki Roussi) schlägt Joe Gillis (Filippo Strocchi) mit ihrer Macht als Stummfilmstar in ihren Bann
Foto: © Felix Grünschloß

"Sunset Boulevard" eröffnet am Badischen Staatstheater Karlsruhe die Musiktheatersaison 2026/2027 - Rezension zur Premiere am 4. Oktober 

Am 4. Oktober 2026 feiert "Sunset Boulevard" Erstaufführung am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Es geht um das Ende einer Ära, deren Vertreter mit dem neuen Medium des Tonfilms in Vergessenheit geraten. Es geht aber auch um Manipulation, Verklärung, Enttäuschung, Wahn und Mord. „Sunset Boulevard“ hat zahlreiche Ebenen, die einem Regisseur eine Vielfalt an Möglichkeiten bieten. Tobias Ribitzki inzeniert in Anlehnung an den Film Noir mit Konzentration auf wenige Bühnenelemente und Fokus auf die Solisten und ihre menschlichen Abgründe. Ein wesentlicher Teil ist der Klangkörper der Badischen Staatskapelle, die begeistert.

Billy Wilders Film „Boulevard der Dämmerung“ über die zu Zeiten des Stummfilms sehr erfolgreiche Diva Norma Desmond, die einen jungen erfolglosen Drehbuchautor dazu bringt, ihr Drehbuch zu lektorieren, ist ein legendärer Film Noir, der 1950 erschien.

Den Ansatz zu einem Musical, das Gloria Swanson anstieß, vereitelte das Studio Paramount selbst, weil sie ein Happy End plante. So dauerte es bis zu den 1990er Jahren, bis es Andrew Lloyd Webber, Don Black und Christopher Hampton nach einem langen Kampf um die Rechte auf die 1993 erstmals auf die Bühne brachten. Nach den Premieren im West End und am Broadway feierte das Musical im eigens hierfür erbauten Musicaltheater in Niedernhausen 1995 Deutschlandpremiere. Die Spielzeit endete 1998 und es dauerte bis 2010, bis Stefan Huber (RiP) die erste freie Inszenierung des Musicals am Theater Magdeburg realisierte und dem Stück zu neuem Leben verhalf. Danach folgten zahlreichen Premieren an deutschen Stadttheatern. 

Filmische Inszenierung, reduzierte Ausstattung und psychologisches Kammerspiel

Auf der Drehbühne der großen Bühne des Staatstheaters Karlsruhe arbeitet Regisseur Tobias Ribitzki mit zwei zentralen Bühnenelementen, einer schräg gestellten Plattform mit dem Dekor von „Valentinos Fliesen“, die wirkungsvoll in warmes Licht getaucht wird, das Intimität schafft (Lichtdesign: Stefan Woinke) und im zweiten Akt mit einer steilen Treppe mit mehr als 30 Stufen, die auf einem dünnen Drahtgestell zu schweben scheint (Bühne & Kostüme: Stefan Rieckhoff).

Die Villa am Sunset entsteht aus hohen Vorhängen, die um das Podest geschichtet sind und mit zarten Säulen- und Raumprojektionen zusammen mit dem Lichtdesign von Stefan Woinke atmosphärisch in Szene gesetzt werden. Das Ergebnis ist eindrucksvoll. Eindrucksvoll ist auch der Moment, wenn Max von Mayerling (Ben Conner) Orgel spielt und wie eine Figur aus einem Stummfilm vor der Projektion einer riesigen Orgel agiert, während die Orgelklänge aus dem Orchestergraben aufsteigen. Vorhänge mit wabernden Lichtwellen kreieren den Swimmingpool, in dem Joe Gillis (Filippo Strocchi) als Schattenbild ertrinkt. Bei der Autojagd flankieren Vorhänge die Seiten mit Palmenprojektionen, die aus der Froschperspektive aufgenommen scheinen, während die beiden Wagen von Menschen durch Tragen und Schwenken einer Konstruktion mit großen Lichtern hergestellt werden. Der Gesamteindruck der so geschaffenen Szenenbilder ist sehr ästhetisch und in opaken Tönen gehalten wie in einem leicht nachkolorierten Schwarz-Weiß-Film. Die Umsetzung eines Film Noir auf die Bühne unterstreichen auch weitere scherenschnittartige Schattenprojektionen auf den Vorhängen, etwa wenn Norma ihren Schimpansen am Grab betrauert.  

Norma Desmond (Vasiliki Roussi) im Tanz der ‚Salome‘
Foto: © Felix Grünschloß

Orte wie „Schwabs“ und „Paramount“ werden durch den jeweiligen Schriftzug in der Art einer Leuchtreklame angezeigt. Hier ist auf der sonst leeren Fläche viel Platz für den großen Opernchor, dessen Mitglieder nebeneinander alle auf große Bühne des Staatstheaters passen. Diese bleiben bis auf ein paar solistische Aktionen jedoch eher statisch. In den Szenen von Gillis‘ Umstyling und dem Überfall der Kosmetikerinnen: „Wer schön sein will, muss eben leiden“, sind sie beweglicher und geradezu grotesk inszeniert. Man vermisst dennoch ein wenig Choreografie; diese ist in Karlsruhe nicht eigens benannt. Gegenüber Normas Welt wirken die Hollywoodszenen bei kalt und leer, obwohl hier der Opernchor mit den farbigen Kleidern und Filmkostümen im Vergleich dazu bunt wirkt.

Die doppelte Sylvester-Szene konfrontiert die Welt der Norma Desmond mit ihrem stillen goldenen, warmen Traum vom Glück mit der lebendigen Party im klaren kühlen Licht. Als Joe Gillis im Anschluss an Normas Liebeserklärung aus der Villa ins „echte[] Leben“ geflohen ist, verdrängen die Teilnehmer von Artie Greens Sylvester-Party sie von der Plattform. Sie schleicht weg, bevor der Vorhang zwischen beiden Welten wieder fällt.

Die kalte Studiowelt enthält einzig Wärme und Atmosphäre , wenn Joe Gillis (Filippo Strocchi) und Betty Schaefer (Irina Simmes) sich auf dem Filmgelände treffen und einander ihre ungewollte Verliebtheit gestehen. Zunächst werden hier auf einem Vorhang vor einem Metallgestell die Pappmache-Kulissen am Filmset projiziert, die Betty so liebt und dann wird es fast „kitschig“, wenn ein Lichtvorhang mit unzähligen Seifenblasen auf das Paar herabregnet.

Ribitzki war es auch nach eigener Aussage wichtig, die Ausstattung auf das Wesentliche zu reduzieren, zu erproben, wie weit ein Musical auf der großen Bühne auf die Darstellenden fokussiert werden kann. Das ist bei den Solisten gelungen. Die Szenen in der Villa erhalten eine Intimität, die sich auf das psychologische Kammerspiel der Norma Desmond konzentriert.

‚Ein gutes Jahr‘ – Norma Desmond (Vasiliki Roussi) und Joe Gillis (Filippo Strocchi) feiern Sylvester auf Valentinos Fliesen
Foto: © Felix Grünschloß

Die Sylvester-Party – Badischer Staatsopernchor; vorne: Joe Gillis (Filippo Strocchi), der versucht, Max telefonisch zu erreichen
Foto: © Felix Grünschloß

Badische Staatskapelle - wesentlicher Teil der Inszenierung und großer Klangkörper

Allein die musikalische Umsetzung der Kompositionen von Andrew Lloyd Webber durch die Badische Staatskapelle ist einen Besuch von „Sunset Boulevard“ in Karlsruhe wert. Hier wird die sinfonische Fassung gespielt mit Reeds (Englischhorn, Oboen, Saxofon, Flöten), Harfe, Blechblasinstrumente (Trompeten, Posaune, Tuba), Pauke und Becken. Dazu kommen für die treibenden Jazz-Elemente der Hollywood-Nummern Gitarre, Bassgitarre und Percussions. Es war ein Genuss, den 45 Musikerinnen und Musikern unter der musikalischen Leitung von Andreas Kowalewitz zu lauschen. Das Orchester wird zum wesentlichen Teil der Inszenierung, ob bei der Autojagd oder bei der Begleitung des psychologischen Kammerspiels der Norma Desmond. Es wirkt, als umhülle der große Klangkörper Vasiliki Roussi mit der Musik, während sie ‚Salome‘ tanzt oder ihre Geschichte mit ‚Nur ein Blick‘ und ‚Träume aus Licht’ erzählt.
Dafür, dass der Sound kraftvoll weit reicht und die Protagonisten auf der Bühne von den Solisten bis zum Opernchor gut zu verstehen sind, sorgt Sebastian Langner mit seinem Team aufs Beste. Diesen Eindruck störte am Premierenabend auch ein kurzzeitiges Mikrofonproblem bei Cecil B. DeMille-Darsteller Luis Molz und ein noch nicht geöffneter Mikroport bei Filippo Strocchi nicht.

Norma Desmond (Vasiliki Roussi) berichtet Joe Gillis (Filippo Strocchi) strahlend, dass Paramount angerufen hat
Foto:© Felix Grünschloß

Starke Solisten 

Die tragenden Rollen werden von drei Gästen und der starken Sopranistin Irina Simmes als Mitglied des Hauses getragen. Dazu kommen die Rollen von Freund Artie Green (Dylan Glenn) und Schuldeneintreiber 1/ Herrenausstatter Manfred (Wei Liu), Herren sowie die Auftritte als Sheldrake (André Post) und Cecil B. DeMille (Luiz Molz), die als solistische Darbietungen von Mitgliedern aus dem Staatsopernchor überzeugen. Weitere 16 kleiner Positionen sind ebenfalls durch Mitglieder des Chors doppelt besetzt.

Irina Simmes spielt eine für die Epoche in ihrem Auftreten als Autorin und Assistentin selbstbewusste Betty Schaefer, die jedoch angesichts ihrer Gefühle für Joe Gillis zurückhalten, gar schüchtern wird. Und doch ist sie es, die ihm zuerst ihre Gefühle erklärt. Simmes verfügt über einen klangvollen Sopran, den sie auch druckvoll einsetzen kann.

Betty Schaefer (Irina Simmes) verlangt von Joe Gillis (Filippo Strocchi) sein Talent nicht zu vergeuden, doch er resigniert: „Talent hatte ich letztes Jahr, dieses Jahr habe ich Hunger.“
Foto: © Felix Grünschloß

‚Salome‘ – Norma Desmond (Vasiliki Roussi) erweckt für Joe Gillis (Filippo Strocchi) ihr Drehbuch zum Leben, hinten: Max von Mayerling (Ben Connor)
Foto: © Felix Grünschloß

Ben Connor verkörpert Max von Mayerling, jetzt den Buttler, der im Hintergrund bleibt, aber immer zur Stelle ist, wenn Norma ihn braucht. Die Inszenierung verdammt ihn zur Statik, was aber zur Rolle passt. Dank der ausgezeichneten Maske von Chefmaskenbildnerin Franziska Schauer und ihrer Abteilung sieht man nicht, wie jung der Darsteller ist. Er besitzt Bühnenpräsenz, die auch in der Orgelszene zum Ausdruck kommt, und beeindruckt mit seiner warmen, volltönenden Bassstimme.

Filippo Strocchi spielt den unglücklichen Drehbuchautor, der zunächst amüsierter Gigolo, dann tragische Figur in den Bann von Norma Desmond gerät. Sehenden Auges nutzt er keinen der zahlreichen Momente, um zu gehen. In der Karlsruhe Inszenierung gewinnt er sie lieb: „Ich mag sie und ihre Verrücktheit ist nicht gefährlich“, wie es so schön in der deutschen Fassung von Michael Kunze heißt. Dass er hier irrt, erkennt er zu spät. Als er dann wirklich gehen will, weil sie sein kleines Glück mit Betty zerstört hat, erschießt sie ihn. Die drei Schüsse auf der Bühne waren bei der Karlsruher Premiere sehr präsent. Filippo Strocchi spielt den Joe Gillis jederzeit authentisch und in seinen Emotionen überzeugend. Ihm sind Normas Geschenke sichtlich unangenehm. „Sunset Boulevard“ ist eines der textreichsten Musicals und die Verständlichkeit der Darstellenden besonders wichtig. Da ist es bedauerlich ist, dass Strocchi nicht ganz so akzentuiert spricht und singt, wie er spielt.

Vasiliki Roussi ist Norma Desmond. Wie Intendant Christian Firmbachbei der Cast-Vorstellung richtig bemerkt: Sie spielt sie nicht nur, sie ist sie. Roussi verkörpert Norma Desmond mit Zartheit, Resolutheit und ungeheurer Bühnenpräsenz. ‚Nur ein Blick‘ wird Realität. Das Publikum hängt an ihren Lippen, wenn die Darstellerin eine der großen Partien der Norma singt und kommentiert mit Bravorufen und langem Szenenapplaus. 

Dabei spielen auch die Projektionen von Roussis Gesicht mit den großen Augen eine wichtige Rolle, die sie menschlich und verletzlich wirken lassen. Unterstrichen wird die Diva von Stefan Rieckhoffs eleganten Kostümen in Schwarz und Gold, die ihre ätherische Erscheinung in Szene setzen. Oftmals steht Norma schon, bevor sie in Erscheinung tritt im Hintergrund einer Szene mit dem Rücken zum Publikum, so auch in dem schwarz-weißen Fellmantel (s.o), der Auftritte von Filmstar Gloria Swansons Auftritte im Leopardenlook erinnert. Einzig, als Norma sich betrogen fühlt und in ihrer Verzweiflung Betty Schaefer anruft, um Joe Gillis schlecht zu machen, trägt sie reines Schwarz und ihre Haare sind aufgelöst.

Selten wird eine Norma so liebenswert inszeniert wie in Karlsruhe. Diese Norma versteht man, weint und lacht mit ihr. Trotzdem verliert sie ihre Starquality bis zum Schluss nicht. Das Finale verbindet die Darstellung ihres Wahnsinns mit dem Auftritt eines Stars. Regie führt Max von Mayerling, der ihr immer wieder Anweisungen gibt, damit sie nicht zusammenbricht. Unklar bleibt, wer ihr Publikum ist. Meist sind im Finale von „Sunset Boulevard“ Pressevertreter und Schaulustige anwesend. Hier besteht Normas Publikum aus den gleichen Leuten, die zuvor auch bei Paramount auftraten. Auch Betty Schaefer und der verstorbene Joe Gillis, für den sich der Kreis hier schließt, schauen zu.

Fazit

Wer eine große Ausstattungs-Produktion erwartet hat, mag vielleicht im ersten Moment enttäuscht sein, doch dann wird auch ihn das Gesamtkonzept dieser „Sunset Boulevard“-Inszenierung überzeugen, insbesondere, was Norma Desmonds Welt betrifft. Die Badische Staatskapelle bildet einen lebendigen Klangkörper, den es in dieser Besetzung bedauerlicherweise im Musical kaum noch gibt. Ich wiederhole, dass allein diese herausragende musikalische Darbietung die Reise schon wert wäre. Dazu kommt der Fokus, den die Inszenierung auf die Solisten legt – wie in einem Kammer-Musical. Das erhöht die Wirkung des Schauspiels, aber auch der Songinterpretation, die das Publikum in die tragische Geschichte zwischen Norma Desmond und Joe Gillis hineinziehen.
Lassen Sie sich von diesen 'Traumen aus Licht' am Badischen Staatstheater Karlsruhe entführen.

Barbara Kern

Zurück von der Silvester-Party findet Joe Gillis (Filippo Strocchi) Norma Desmond (Vasiliki Roussi), die versucht hat, sich umzubringen
Foto: © Felix Grünschloß

Sunset Boulevard - Das Musical

Kreativteam

Musik & Orchestrierung: Andrew Lloyd Webber
Buch & Liedtexte: Don Black & Christopher Hampton
Deutsche Fassung: Michael Kunze

Regie: Tobias Ribitzki
Musikalische Leitung: Andreas Kowalewitz / Ulrich Wagner / Katharina Morin
Bühne & Kostüme: Stefan Rieckhoff
Lichtdesign: Stefan Woinke
Sounddesign: Sebastian Langner (AVM)
Maske: Franziska Schauer
Chorleitung: Ulrich Wagner
Dramaturgie: Stephanie Twiehaus


Badische Staatskapelle

Badischer Staatsopernchor

Besetzung 

Norma Desmond: Vasiliki Roussi
Joe Gillis: Filippo Strocchi
Betty Schaefer: lrina Simmes / Sara De Franco
Max von Mayerling: Ben Connor
Cecil B. DeMille: Luiz Molz
Artie Green: Dylan Glenn
Sheldrake: André Post / Harrie van der Plas
Manfred / 1. Schuldeneintreiber: Wei Liu / Shichao Cheng
Mary / 1. Kosmetikerin: Helena Wegner / Maike Etzold /
Joanna / 3. Kosmetikerin: Oleksandra Khomenko / Uta Hoffmann
Katherine / Larissa / Sandy / Analytikerin: Cornelia Gutsche / Elena Korenzwit
Lisa / Danielle / 2. Kosmetikerin: Camelia Tarlea / Nicole Hans /
Anita / Down / Frau 1 / Ärztin: Ursula Hamm-Keller / Gilda Cepreaga
John / 1. Masseuse: Unzu Lee-Park / He Mi Kwoun
1. Girl / Kellnerin / Heather / 2. Masseuse: Ilka Kern / Ulrike Gruber
2. Girl / Jane / Jean / Astrologin: Pia Waterman / Evelyn Hauck
3. Girl / Frau 2: Sang Hee Kirn / Kerstin Gorny
Sammy / 4. Verkäufer: Edgars Skarbulis / Sean Webster
Myron / 6. Verkäufer / Hogeye: Arno Deparade / César del Río Fuentes
Jones / 1. Verkäufer: Andreas von Rüden / Peter Herrmann / Jong-Won Lee
Morino / Glenn / Mann 2: Andrey Netzner / Alexander Huck
Wunderkind / Down / Adam / Schauspieler / Mann 1 / Der junge Pförtner / 5. Verkäufer: Alexander .Papandrea / Manuel Oswald /
Cliff / John / Barmann / 7. Verkäufer / Mann 3: Samuel Kim / Jin-Soo Kim
2. Schuldeneintreiber / Sandy / 2. Verkäufer: Dimitrijus Polesciukas / Lukasz Ziolkiewicz
3. Verkäufer / Mann 4: Kwang-Hee Choi / Jounggil Kim