Das Gatsby-Team zeigt darstellerische Stärke in vielseitigen und der Zeit entsprechenden Kostümen!
Foto: © Volker Beinhorn
Eine Liebesgeschichte über Besitz und Zugehörigkeit
Die Musicalfassung „Der große Gatsby“ von Claus Martin wurde am 26. Mai 2012 auf der Freilichtbühne Coesfeld erstmals aufgeführt. Das war zugleich die Uraufführung und damit auch die erste Aufführung in Deutschland. Die Landesbühne Niedersachsen Nord begeistert nun ein ausverkauftes Haus mit sehr präsenten Schauspielern, einem stimmungsvollen Bühnenbild und einer sehr fließenden Regie.
Olaf Striebs Inszenierung lädt in eine Welt ein, in der Reichtum Eindruck macht und echte Gefühle dennoch keinen sicheren Platz finden. Die besuchte Vorstellung war ausverkauft, das Publikum feierte die Produktion mit großer Begeisterung. Dass der Abend seine Zuschauer erreichte, war unübersehbar. Die Partitur des Musicals hat mich nur in Teilen erreicht.
Die Produktion feierte am 29. August 2026 im Stadttheater Wilhelmshaven Premiere. Der Text und die Musik stammen von Claus Martin, dessen eigenständige Bearbeitung sich von anderen Musicalfassungen des Romans unterscheidet.
Im Vorfeld der besuchten Vorstellung gab es Gelegenheit zu einem Kurzinterview mit dem Autor und Komponisten Claus Martin sowie mit dem Intendanten und Regisseur Olaf Strieb. Ihre Überlegungen zum Stoff, zur musikalischen Gestaltung und zur Entscheidung für diese Produktion eröffnen einen interessanten Blick auf den Abend.
Nick Carraway (ein großartiger Erzähler, bei dem jeder Augenaufschlag sitzt: Stefan Herrmann) kommt als Wertpapierhändler nach New York und bezieht ein kleines Haus auf Long Island. Sein Nachbar Jay Gatsby (galant und spielerisch stark: Gregor Scheil) ist wohlhabend, geheimnisvoll und für seine rauschenden Feste bekannt. Doch hinter der demonstrativen Großzügigkeit steht ein sehr persönlicher Wunsch: Gatsby möchte seine frühere Liebe Daisy (Steffi Baur) zurückgewinnen. Sie ist inzwischen mit Tom Buchanan (Stefan Faupel) verheiratet. Nick wird zum Vermittler eines Wiedersehens, dessen Folgen die Beteiligten bald nicht mehr kontrollieren können.
Die Geschichte stellt eine unbequeme Frage: Wie viel lässt sich mit Geld tatsächlich erreichen? Gatsby kann Wohlstand erwerben und Gäste um sich versammeln. Liebe und gesellschaftliche Zugehörigkeit bleiben dagegen unsicher. Sein Vermögen wird zum Versprechen einer Zukunft, die in Wahrheit eine Wiederholung der Vergangenheit sein soll. Gerade das macht seine Sehnsucht so berührend und so gefährlich.
Claus Martin erläuterte im zuvor stattgefundenen Gespräch, dass ihn zunächst die Zwanzigerjahre mit ihren Widersprüchen fasziniert haben. Die sogenannten Goldenen Zwanziger seien schließlich nur für einen Teil der Gesellschaft golden gewesen. Besonders beschäftigt habe ihn die Frage nach den Werten: Was ist Menschen wichtig, wie beeinflusst ihr gesellschaftliches Umfeld ihre Vorstellungen?
Das Spiel zwischen Reichtum und wirklichen Emotionen gehört zu den überzeugenden Seiten der Aufführung. Auf der Bühne wird die Spannung zwischen gesellschaftlicher Rolle und persönlichem Bedürfnis greifbar. Hier findet die Inszenierung einen Zugang zum Stoff, der über die bloße Bebilderung einer glamourösen Epoche hinausgeht.
Martin sieht zudem deutliche Parallelen zwischen den Zwanzigerjahren des vergangenen und denen des heutigen Jahrhunderts. Für ihn regt die Geschichte dazu an, die Bedingungen der eigenen Gegenwart zu hinterfragen. Dieser Gedanke passt zu einem Stoff, in dem Besitz und Einfluss darüber entscheiden, wer sich sicher bewegen kann und wer um Anerkennung kämpfen muss.
Präsentes Schauspiel trägt den Abend
Das Ensemble steht mit großer Präsenz auf der Bühne. Besonders Gregor Scheil und Stefan Herrmann überzeugen an diesem Abend spielerisch. Scheil gibt der zentralen Figur Gewicht und hält das Interesse an ihr auch dort wach, wo die Musicalfassung weniger Substanz entwickelt. Seine Darstellung macht nachvollziehbar, weshalb dieser Mann so viel in einen Traum investiert, der sich seiner Kontrolle entzieht.
Ebenso stark ist Stefan Herrmann als Erzähler. Er schafft einen verlässlichen Bezugspunkt innerhalb der Geschichte und verbindet die unterschiedlichen Begegnungen. Seine Bühnenpräsenz verhindert, dass die erzählenden Passagen zu bloßen Verbindungstexten werden. Auch die älteren Herren, die die Welt des Geldes und des Kapitalismus verkörpern, setzen überzeugende Akzente. Sie verleihen dem gesellschaftlichen Hintergrund Kontur und machen sichtbar, wie selbstverständlich Einfluss und Besitz das Handeln bestimmen. Steffi Baur gibt eine sehr verführerische Daisy.
Die darstellerische Stärke ist für diesen Abend entscheidend. Sie verleiht den Figuren jene Dichte, die man sich auch von der musikalischen Bearbeitung durchgehend wünschen würde. Für einen Stoff von solcher literarischen Bedeutung kommt die Musicalpartitur stellenweise sehr schlicht daher. Die Konflikte sind vorhanden, doch ihr Gewicht wird vor allem durch die Menschen auf der Bühne vermittelt.
Links: (v.l.): Gregor Scheil (Gatsby) und Nick (Stefan Herrmann) besprechen Gatsbys Bitte um Verkupplung
Foto: © Volker Beinhorn
Fließende Regie und eine schöne Bühnenwelt
Olaf Strieb beschrieb im Kurzinterview den Wunsch, nach den Produktionen der vergangenen Jahre (wie z. B. KEIN PARDON) bewusst etwas anderes zu machen. Martins Bearbeitung des Gatsby-Themas habe ihn überzeugt. Hinzu gekommen seien die musikalische Vielfalt und die Möglichkeiten, die die Epoche für die Ausstattungsabteilung eröffne.
Olaf Strieb gestaltet die Übergänge fließend. Die Szenen greifen geschickt ineinander, sodass die Geschichte in Bewegung bleibt. Der nachgebaute Oldtimer ist ein besonders witziger Einfall: Er wird wirkungsvoll eingesetzt und fügt sich überzeugend in die Ausstattung ein. Solche Ideen geben der Produktion ihren eigenen Charme.
Cornelia Brey verantwortet Bühnenbild und Kostüme. Die wunderbaren Schablonen und die zeittypischen Vorhänge schaffen einen stimmungsvollen Rahmen. Die Ausstattung vermittelt den Reiz dieser Welt, ohne den Blick auf die Schauspieler zu verstellen. Im Zusammenspiel mit der Regie entsteht ein geschlossenes Bühnenbild, in dem gesellschaftliches Treiben und persönliche Begegnungen ihren Platz finden.
Besonders gelungen ist die sichtbare Einbindung der Band. Die Musiker sitzen auf der Bühne und tragen Kostüme, die zum Gesamtbild passen. So erhält die musikalische Begleitung einen selbstverständlichen Platz innerhalb der dargestellten Welt. Die Band ist auch optisch Teil der Atmosphäre und macht das Zusammenspiel von Musik und Szene unmittelbar erfahrbar.
Die Dramaturgie liegt bei Julia Keller, die Choreografie bei Lenke Lemke. Die Produktion wird damit von einem Team getragen, das Schauspiel, Bewegung und Ausstattung wirkungsvoll zu einem gemeinsamen Bühnengeschehen verbindet. Nach meinem Eindruck dominieren vor allem die darstellerische Präsenz, die schöne Ausstattung und der flüssige Verlauf der Inszenierung.
Der Aktien- und Dollarkurs ist so agil wie ein Tango.
Foto: © Volker Beinhorn
Eine vielseitige Partitur mit zu wenig Eigenart
Die stilistische Bandbreite, die Strieb im Gespräch als einen Vorzug der Fassung hervorhob, ist in Claus Martins Partitur deutlich hörbar. Ein gelungenes Beispiel ist der kräftige, gut klingende Tango ‚Casino Royale‘, der einen markanten musikalischen Akzent setzt.
Die unterschiedlichen Stile bringen Abwechslung in die Partitur. Dennoch verbinden sich die einzelnen musikalischen Farben zu selten zu einer unverwechselbaren Sprache. Was fehlt, sind Melodien, die sich festsetzen und die Geschichte über den jeweiligen Moment hinaus tragen.
Dass ein Musical auf einem berühmten Roman beruht, macht es selbstverständlich noch nicht zum Klassiker. Hier wird jedoch besonders deutlich, wie groß der Abstand zwischen der Präsenz des literarischen Stoffes und dem musikalischen Nachhall seiner Bearbeitung sein kann. Der Abend bietet viele Möglichkeiten für große Gefühle. Die Partitur verdichtet sie zu selten zu jenen Momenten, die man nach dem Theaterbesuch noch im Ohr hat.
Martin erklärte im Interview, dass ihm die strikte Trennung zwischen unterhaltender und ernster Kunst Schwierigkeiten bereite. Sein Stück solle etwas über Menschen und ihre Zeit erzählen und zugleich unterhalten. Theater dürfe erschrecken, komisch sein oder traurig machen; aber langweilig dürfe es nicht werden.
Dieser Anspruch ist nachvollziehbar und wird durch die szenische Gestaltung auch vielfach eingelöst. Musikalisch hätte ich mir allerdings mehr Ausdruckskraft und eine stärkere Eigenart gewünscht. Während das Schauspiel den Figuren Kontur gibt, bleibt die Musik häufiger Begleitung, als dass sie eine zusätzliche emotionale Ebene eröffnet.
Simon Kasper verantwortet die musikalische Leitung. Die integrierte Liveband ist ein Gewinn für das Gesamterlebnis.
Nick (Stefan Herrmann, links) und Tom Buchanan (Stefan Faupel, rechts) auf Spritztour
Foto: © Volker Beinhorn
Daisy (Steffi Baur) und Velma (Paula Clausen) schachern zu Frauenthemen
Foto: © Volker Beinhorn
Gut verständlicher Ton und stimmungsvolles Licht
Der Sound ist gut verständlich, was bei diesem Stoff besonders zählt. Beziehungen und Motive müssen nachvollziehbar bleiben, damit die Geschichte ihre Wirkung entfalten kann. Ein wenig mehr Lautstärke und Druck hätten der Musik dennoch auch gutgetan. Stellenweise fehlt ihr der nötige „Bums“, um über das Zuhören hinaus auch körperlich mitzureißen.
Auf mich wirkt die zurückhaltende Abstimmung passend zum eher reifen Publikum des besuchten Abends. Etwas mehr Kraft hätte die Musik trotzdem vertragen. Das Lichtdesign ist schön und unterstützt die atmosphärische Wirkung der Ausstattung.
Ein Publikumserfolg mit musikalischen Grenzen
Bereits vor der Vorstellung berichtete Olaf Strieb im Gespräch von Standing Ovations und einer sehr guten Nachfrage nach Karten. Eine solche Resonanz sei in Wilhelmshaven keineswegs selbstverständlich.
Das ausverkaufte Haus und die große Begeisterung des Publikums am besuchten Abend bestätigten seine positive Einschätzung.
Tom Buchanan (Stefan Faupel) und Nick (Stefan Herrmann) besprechen das, was wirklich zählt.
Foto: © Volker Beinhorn
Der Zuspruch lässt sich angesichts des präsenten Ensembles, der schönen Ausstattung und der fließenden Inszenierung gut nachvollziehen. Die Landesbühne erreicht ihre Zuschauer mit dieser Produktion.
Für mich bleibt ein sehenswerter Theaterabend, dessen musikalisches Profil Geschmackssache ist. Gatsby und Nick tragen die Geschichte mit starkem Spiel, Cornelia Breys Bühnenwelt gibt ihr Atmosphäre, und Striebs Regie hält sie zusammen. In Erinnerung bleiben vor allem die Menschen und die Bilder. Von den Melodien hätte ich mir denselben Nachhall gewünscht.
Stefan Huebsch
Sexy kommt Jordan Baker (Paula Clausen) hier zusammen mit dem Ensemble die Treppe runter -
Foto: © Volker Beinhorn
Fazit: Emotionale Cast und handwerklich gute Arbeit sowie interessante musikalische Momente ohne großen Wiederkennungseffekt
Velma zusammen mit dem Ensemble - Foto: © Volker Beinhorn
Besetzung:
Daisy Buchanan Steffi Baur
Jordan Baker / Velma Paula Clausen
Tom Buchanan Stefan Faupel
Butler/Zeitungsjunge u.w. Björn de Groot
Nick Carraway Stefan Herrmann
Myrtle Wilson Ramona Marx
George Wilson Philipp Osterkamp
Jay Gatsby Gregor Scheil
Mr. Meyer Wolfshiem Christoph Sommer
Vanda Jette Redetzki
Jenny Melina Martens
Penny Lenke Lemke
Chester McKee Carlo Geroschus
Kameramann Patrick Owerdieck
Tanzensemble:
Carlo Geroschus, Lenke Lemke, Melina Martens, Jette Redetzki und Paula Wiemken.
Kreativteam
Der große Gatsby – Das Musical · Landesbühne Niedersachsen Nord · Stadttheater Wilhelmshaven Premiere am 29. August
Romanvorlage: F. Scott Fitzgerald
Text und Musik: Claus Martin
Regie: Olaf Strieb
Musikalische Leitung: Simon Kasper
Bühnenbild und Kostüme: Cornelia Brey
Choreografie: Lenke Lemke
Dramaturgie: Julia Keller
Regieassistenz: Patrick Rudolph