Vorstellung am 19. Mai 2026, Stage Theater des Westens, Berlin
„Freiheit ist die schönste Stadt der Welt“, singt die Cast von „Wir sind am Leben“ gleich zu Beginn der Show und lädt ein mit dieser wichtigen Botschaft, in die pulsierende Stadt Berlin und in ein Stück Berliner Stadtgeschichte – in eine herrlich bunte Hausbesetzerkommune der 90er-Jahre, die sich als „Konsum Hoffnung“ mit den Lebensthemen der Zeit auseinandersetzt. Die Freiheit der einzelnen Personen steht dabei bereits zu Anfang deutlich im Vordergrund, denn zur damaligen Zeit waren individuelle Lebensmodelle und frei gelebte sexuelle Präferenzen noch lange nicht unbedingt an der Tagesordnung. Auch in der besuchten Vorstellung trieben zwei sich offen auf der Bühne küssende Männer und lesbische Kindererziehungsthemen noch dem einen oder anderen Zuschauer beziehungsweise der einen oder anderen Zuschauerin eine leichte Rötung ins Gesicht.
Es gibt Abende, an denen verlässt man das Theater nicht bloß gut unterhalten, sondern regelrecht durchgeschüttelt. Die Zeitmaschine von „Wir sind am Leben“ katapultiert einen hier in ein musikalisches Meisterwerk von Peter Plate und Ulf Leo Sommer, das am 21. März 2026 seine umjubelte Welturaufführung hatte.
Die Macher hinter Rosenstolz und „Ku'damm 56/59“ haben mit dieser Produktion ihr bislang persönlichstes Stück auf die Bühne gebracht. Und eines steht fest: Berlin hat mit „Supernova Discoslut“ eine neue emotionale Hymne.
Das Bühnenbild – eine sich immer wieder drehende Häuserkulisse, in der die Doppelstockkommune nachgebildet ist (Adam Nee) – atmet den Staub und die rohe Energie des Jahres 1990. Die Mauer ist frisch gefallen, die alten Regeln gelten nicht mehr, und in den maroden Altbauten blüht die Anarchie. Genau hier entfaltet sich die Geschichte der Geschwister Nina (Celina dos Santos) und Mario (Markus Spagl), die aus der brandenburgischen Provinz Wittenberg in das frisch geöffnete, chaotische Berlin fliehen. Sie suchen nach einem alternativen Leben und ihren eigenen Träumen. Die Inszenierung fängt das paradoxe Lebensgefühl dieser Ära perfekt ein: auf der einen Seite die pure, hemmungslose Euphorie des Aufbruchs, auf der anderen Seite die nackte Existenzangst einer entwurzelten Generation.
In der Rolle der Mutter Rosie punktet Kristin Schulze mit Muttergefühlen und einer rührend-übergriffigen Präsenz. Sie reißt das Publikum ab der ersten Sekunde mit.
Die Szenen im besetzten Hausprojekt und beim „Konsum Hoffnung“ balancieren rasant und auf Messers Schneide: In einem Moment lacht der Saal über absurde Milchnudel-Diskussionen, im nächsten Augenblick stockt der Atem, wenn die unbarmherzige Realität von AIDS die queere Community einholt. Das improvisierte Sorgentelefon, die „Nummer gegen Einsamkeit“, versucht den Menschen im Wende-Chaos Halt zu geben. Hier erzählen Anrufer wie Günther, der gerne Frauenkleider trägt (Nik Breidenbach), und die tiefenentspannte Doris Knittel (Lisa-Marie Sumner) – jeweils auf ihrer Seite des Telefons – ihre ganz eigene Geschichte, und man kann erleben, wie verbindend letztlich ein ehrliches Telefonat sein kann.
Die lesbischen Kommune-Bewohnerinnen (Ramona Holzhammer / Rike Wischhöfer und Brigitte Hermann / Lucille-Mareen Mayr) streiten mit ihrem Song „Du wolltest doch das Kind“ über moderne Kindererziehung und hinterlassen nicht nur musikalisch einen bleibenden Eindruck.
Auch Bruno Schwarz (David Na‘dvornik) ist Teil der Kommune und sitzt für „Konsum Hoffnung“ am Apparat. Neben seiner Arbeit für die Telefonseelsorge lebt er seine aufregenden Auftritte als „Die Dietrich“, und mit Nando Perez hat er einen fantastischen Tänzer und Lebensgefährten an seiner Seite (Alexander Hartmann).
Nina Fröhlich bastelt an ihrer Karriere als Sängerin (Celina dos Santos) und brilliert im vertrauten Rosenstolz-Klang (voller Sound von Florentin Bierwisch).
Die Geschichte nimmt Fahrt auf, als Mario Fröhlich auftaucht, um seine Schwester und sich selbst zu finden. Nando und er gehen eine Liebelei ein, und zeitgleich ereilt Bruno der Ausbruch seiner Krankheit. Als dann auch noch die Mutter der beiden auftaucht und die Stasi-Vergangenheit im Star-Friseursalon, sexuelle Präferenzen der Kinder und Fehler der Vergangenheit thematisiert werden, laufen an diesem Abend genügend Handlungsstränge parallel, die von großartiger Musik getragen werden.
Plate und Sommer setzen auf emotionalen Pop mit tiefgehenden Texten und dem unverkennbaren, hymnenhaften Rosenstolz-Appeal. Die Songs fungieren nicht als bloßes Beiwerk – sie sind das emotionale Ventil der Figuren.
Wenn zum Beispiel Nando (Alexander Hartmann) mit „Pirouetten drehen“ seine Geschichte erzählt, kommen großes künstlerisches Feingefühl und ein riesengroßes tänzerisches Talent mit der stark erzählenden Musik zusammen. Diese Stilistik zieht sich durch alle Rollen. Die Regie von Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck, der auch für die Konzeption der Videoproduktion verantwortlich ist, schafft schnelle Übergänge und eine sehr flüssige Erzählweise, die die Geschichte vorantreibt. Lediglich beim sich dauernd drehenden Haus kommt im zweiten Teil ein wenig Wiederholungseffekt auf und hätte vielleicht durch die Nutzung weiterer Ebenen und Schauplätze für mehr Abwechslung sorgen können. Die „Konsum Hoffnung“-Band unter der Leitung von Shay Cohen spielt großartig auf.
Die spektakulären Choreografien von Jonathan Huor platzieren die Mitwirkenden gekonnt und lassen immer wieder aufregende und wunderbare Bilder entstehen. Bei „Kalte Schwester“ kommen zudem tolle Lichtmomente und Bilderanimationen zum Einsatz (Lichtdesign von Tim Deiling, Videodesign von Edmund Brown). Die Kostüme (Ferran Casanova) und die Maske (Anke Ludwig) begeistern und sind detailverliebt. Unvergessen bleibt der weiße Pelzmantel der Dietrich oder der Zebramantel von Rosie Fröhlich. Selbst die Band trägt aus der Zeit stammende Trainingsanzugsjacken. Die Perücken werden im Stück nicht nur thematisiert, sondern sehen auch noch top aus!
Der zweite Akt wandelt sich von der anfänglichen Aufbruchsstimmung zu einem dramatischen Rückblick auf die 1990er-Jahre, weiter geprägt von den AIDS-Erkrankungen und dem Ende der Hausbesetzer-Ära. Im Fokus stehen die zerrütteten Beziehungen der Figuren, der Kampf um das besetzte Haus und ein emotionaler Abschied, bevor der Sprung ins Jahr 2000 mit einer finalen Party endet.
Auch Friseurin Rosie lässt noch einmal tief in ihre Seele und ihre Vergangenheit blicken, und auch sie verlässt im zweiten Teil ihre irdische, körperliche Hülle.
Es wird viel gestorben in „Wir sind am Leben“, und die Produktion ist somit kein weichgespültes Nostalgie-Stück, sondern genau wie bei einer Trauerfeier liegen hier Trauer und Feiern an diesem Abend sehr dicht beieinander.
Seit der Premiere am 21. März 2026 beweist die Show Abend für Abend, dass sie eine herrlich dreckige, schmerzhaft ehrliche und zutiefst bewegende Liebeserklärung an das Menschsein ist.
Ein Abend voller Tränen, viel Schmunzeln und am Ende eines puren und sehr echten Lebensgefühls!
Diese wunderbare Cast und besonders auch die gesehenen Cover an diesem Abend strotzen vor Kraft und machen einfach großen Spaß! Diese moderne Musicalproduktion klingt nicht nur gut, sondern macht Lust auf das Hier und Jetzt und auf ganz viel Leben.
Stefan Huebsch
Das Kreativteam
Musik, Liedtexte & Buch: Peter Plate, Ulf Leo Sommer
Musik: Joshua Lange
Buch & Regie: Franziska Kuropka, Lukas Nimscheck (Zudem Konzept Videodesign)
Choreographie: Jonathan Huor
Musikalische Leitung: Shay Cohen
Musik Supervision: Caspar Hachfeld
Bühnenbild: Adam Nee
Kostüme: Ferran Casanova
Maske: Anke Ludwig
Lichtdesign: Tim Deiling
Sounddesign: Florentin Bierwisch
Videodesign: Edmund Brown
Die Besetzung
Celina dos Santos
Nina Fröhlich
Steffi Irmen
(Alternierend: Maike Katrin Merkel)
Rosi Fröhlich
Markus Spagl
Mario Fröhlich
Jörn-Felix Alt
(Alternierend: David Nádvornik)
Bruno aka Die Dietrich
Daniel Pohlen
Nando Perrez
Kathi Damerow
Doris Knittel
Johanna Spantzel
Ramona Holzhammer
Nik Breidenbach
Günther Westphal / Schleicher
Lucille-Mareen Mayr
Brigitte Herrmann / Cover Nina Fröhlich
Judy Winter
Stimme Marlene
Ensemble: Kristin Schulze, Andrea Gioia, Tatonka-Danaë Brunner, Safiyah Galvani, Alexander Hartmann, Ben Knop, George Theodosiou.
Swings / Cover: Rike Wischhöfer, Ruth Lauer, Lisa-Marie Summer, Nathan Jones, Katharina Theil, Mathias Reiser, Philipp Nowicki. Alexander Hartmann, Kristin Schulze
Dance Captain / Cross Swing: Claudio Gottschalk-Schmitt