Stadttheater Magdeburg, 11.04.2026, Premiere
„Was ist ein Mensch, was macht ihn aus? Wo führt sein Streben hin? Er sucht nach Klarheit, nach zu Haus, nach seinem wahren Sinn“, singt das großartige Ensemble zur Wiederaufnahmepremiere von Scholl – Die Knospe der Weißen Rose in Magdeburg – einer außergewöhnlichen Musiktheaterproduktion, die nicht aktueller sein könnte!
Denn auch heute fragt man sich: Was passiert eigentlich gerade in der Welt und wo soll das bitte noch hinführen …?
Die Uraufführung wurde am 14.04.2023 am Stadttheater Fürth zur Aufführung gebracht. Das Stück wirft einen intimen Blick auf die Anfänge des studentischen Widerstands und zeigt, wie aus privaten Freundschaften politischer Mut erwächst. Die Handlung führt uns zurück in die letzten Dezembertage des Jahres 1941. Fernab des Kriegslärms verbringt eine Gruppe junger Menschen den Jahreswechsel in einer abgelegenen Skihütte in Österreich. Unter ihnen sind die Geschwister Hans, Sophie und Inge Scholl sowie ihre engsten Freunde.
In der Abgeschiedenheit der Berge wird gelesen, gesungen und leidenschaftlich diskutiert. Die Handlung wird größtenteils aus der Sicht von Traute Lafrenz (außergewöhnlich stark gesungen und gespielt von Judith Caspari) geschildert.
Das Musical basiert auf wahren Begebenheiten, Sammlungen von Gedichten und historischen Schriftstücken. Es wurde von Titus Hoffmann (Buch und Liedtexte), der auch Regie führt, und durch die vielschichtige und kluge Musik von Thomas Borchert in eine neue Form gegossen.
Die Produktion des Stadttheaters Fürth war damals mit insgesamt sieben Nominierungen für den Deutschen Musical-Theater-Preis ins Rennen gegangen, unter anderem als „Bestes Musical“, für die „Beste Komposition“ (Thomas Borchert) und das „Beste Buch“ (Titus Hoffmann). Am Ende konnte das Stück in einer Kategorie den Sieg davontragen: für das „Beste Lichtdesign“. Der Preis ging an Raphaël-Aaron Moss.
Die Idylle auf der Berghütte trügt: Der nationalsozialistische Terror ist in der Heimat in vollem Gange, und die zentrale Frage drängt sich unaufhaltsam in die Runde: Was kann man dagegen tun? Was muss man tun? Es ist der Moment, in dem das Private unwiderruflich politisch wird.
Nur wenige Monate später sollten sich diese jungen Menschen in München unter Lebensgefahr als Mitglieder der „Weißen Rose“ gegen den Faschismus organisieren und Flugblatt-Aktionen durchführen.
Für die Magdeburger Bühne wurde das Stück unter der musikalischen Leitung von Robert Paul und in der Ausstattung von Stephan Prattes (Bühne) und Conny Lüders (Kostüm) eindrucksvoll adaptiert. Die Choreografien (praktisch und unterstützend) von Andrea Danae Kingston und die Dramaturgie von Christoph Clausen vervollständigen das künstlerische Gesamtbild. Die Band unter der Leitung von Robert Paul sitzt auf der Hinterbühne, ist teilweise in den Ablauf integriert und agiert dabei äußerst schmissig und klingt großartig.
Die Szenerie besticht durch eine symbolträchtige Gestaltung, die den Kontrast zwischen jugendlicher Freiheit und der drohenden Enge des NS-Regimes visualisiert. Oft werden reduzierte, aber effektive Elemente genutzt, um die verschiedenen Stationen der jungen Protagonisten darzustellen: Holzbalken für die Skihütte, bewegliche Querbalken als Schaukelsitz und fulminante Berg-Projektionen auf der Rückwand (Bühnenbild von Stephan Prattes). Das Licht – wie schon beschrieben, damals für Fürth ausgezeichnet – fungiert als eigenständiges Erzählmittel, dass die emotionalen Zustände der Charaktere unterstreicht und dramatische Akzente setzt.
Das Sounddesign unterstützt die kraftvolle Komposition von Thomas Borchert. Es verbindet moderne Musical-Elemente mit atmosphärischen Klängen, die die historische Schwere und die jugendliche Energie hörbar machen. Leider war der Sound am Tag der Premiere noch etwas verhalten und hätte gerne etwas kraftvoller und lauter sein können. Die Ausstattung (Kostüme: Conny Lüders) orientiert sich eng an der Mode der frühen 1940er-Jahre und schafft eine authentische Brücke zur Zeitgeschichte (z. B. Sophies blauer Skianzug mit schönen Stiefeln).
Die Magdeburger Produktion besticht durch eine hochkarätige Besetzung, die den historischen Persönlichkeiten neues Leben einhaucht: Traute (Judith Caspari) führt nicht nur erzählerisch immer wieder durch die Szenen, sondern singt auch mit einer eindringlichen Präsenz, die Gänsehaut entstehen lässt.
Hans (stattlich anzuschauen und auch spannend zu hören: Alexander Auler) kommuniziert seine Gefühlswelten stark. Denn Hans ist tiefgründig und hat nicht nur Gefühle für die Damenwelt. Celena Pieper spielt und singt gekonnt eine starke Sophie Scholl, und auch die anderen Rollen fügen sich in die hohe künstlerische Arbeit ein: Bianca Basler gibt Inge, Fin Holzwart Shurik und Raphael Binde Freddy. Ulla wird toll von Lara-Sophie Scheffler gesungen.
Das Stück startet und endet mit einem mehrstimmigen Prolog und schließt den Epilog A cappella ab. Der Auftakt wie das Ende unterstreichen noch einmal die stark ineinandergreifende, fantastische musikalische Gesamtleistung aller Beteiligten, denn die Partitur ist hochanspruchsvoll und nicht unbedingt kommerziell. Wunderbare Momentaufnahmen des Abends sind „Der Doppelgänger“, „Am Sonntag kommt zum Kaffeeklatsch der Führer“, „Propaganda“, „Diese Worte bleiben“ und „Gemeinsam“.
Der zweite Teil der Premiere zog sich gefühlt etwas und der eine oder andere Rückblick oder Traum konnte nicht sofort zugeordnet werden – da, ähnlich wie beim Musical Titanic, das Endergebnis bereits zu Beginn feststeht (zumindest, wenn man sich im Vorfeld ein wenig mit dem Thema beschäftigt hat). Der dramaturgischen Handlungskurve hätte vielleicht noch ein anderer Seitenstrang mit etwas mehr Spannung gutgetan, um wirklich alle bei der Stange zu halten.
Den meisten Zuschauern vor Ort hat es auf jeden Fall sehr gefallen, und minutenlange Standing Ovations haben den Mut und das Engagement des Stadttheaters Magdeburg und aller Beteiligten zu dieser Produktion ausgiebig honoriert.
Scholl – Die Knospe der Weißen Rose ist ein moderner Musical-Geschichts-Review, der unter die Haut geht und zum Nachdenken anregt, ohne dabei die „Politik-Keule“ zu schwingen.
„Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen“, hat Primo Levi gesagt.
Das Theater Magdeburg hat seine Weiße Rose erfolgreich eingepflanzt, und die Arbeit trägt bereits eine sehr starke Knospe.
Hoffentlich sehen noch andere Theatermacher und auch die Gesellschaft zu, dass auch ihr Garten bunt bleibt und mit vielen weißen Rosen bestückt daherkommt.
Der Ausflug nach Magdeburg lohnt in jedem Falle!
Stefan Huebsch
KREATIVE
Regie, Buch und Liedtexte Titus Hoffmann
Musik Thomas Borchert
Arrangements Robert Paul / Thomas Borchert
Musikalische Leitung Robert Paul
Bühne Stephan Prattes
Kostüm Conny Lüders
Choreographie Andrea Daeae Kingston
Dramaturgie Christoph Clausen
Traute Lafrenz Judith Caspari
Hans Scholl Alexander Auler
Sophie Scholl Celena Pieper
Inge Scholl Bianca Basler
Shurik Fin Holzwart
Freddy Raphael Binde
Ulla Lara-Sophie Scheffler