"Der Schimmelreiter" in Fulda - Atmosphärisches Feuerwerk mit Tiefgang

Veröffentlicht am 20. August 2026 um 20:52

Hauke Haien (Sascha Kurth) mit seinem Schimmel (Christopher Dederichs - Kopf, Stefano Francabandiera - Herz, Robin Scheel - Hind) 
Foto: ©Michael Werthmüller

„Der Schimmelreiter – Das Mystery-Musical“ im Schlosstheater Fulda 2026

Scheinbar aus dem Nichts taucht der Reiter auf dem Schimmel in bläulichem Licht auf, ein Mädchen vor sich im Sattel. Er beruhigt das Kind, das sich vor den sich auftürmenden Wassern fürchtet ... So beginnt die ästhetische und atmosphärische Spotlight-Musical-Produktion "Der Schimmelreiter: Ein Mystery-Musical", die am 5. Juni 2026 Uraufführung im Fuldaer Schlosstheater gefeiert hat.

Komponist und Autor Dennis Martin hat gemeinsam mit Christopher Jilo (Buch und Liedtexte) und Kevin Schroeder (Buch und Liedtexte) Theodor Storms bekanntestes Werk (aus dem Spätwerk, 1888 erschienen) sehr gelungen adaptiert. Das Musical folgt in der Struktur des ersten Aktes zunächst der Novelle und legt die Grundlagen für das Verständnis der Geschichte. Dass es dadurch nicht sofort die Zugkraft erhält, die es im zweiten Akt gewinnt, muss deswegen verziehen werden. Nach und nach werden die bestimmenden Gegensätze der Geschichte deutlich: der Glauben an die Möglichkeit, die Welt zu berechnen und die Fluten "einzudeichen" und die abergläubische Furcht vor den Naturgewalten und eine extreme Gottesfurcht auf der anderen Seite. 

Hauke Haien (Sascha Kurth) geht mit seinem Pferd in den Fluten unter
Foto: ©Christian Tech

Zwei Erzählebenen und widerstreitende Kräfte

Wie die Novelle hat das Musical zwei Erzählebenen: Ein Reisender (Sascha Kurth in einer Doppelrolle) kämpft sich im 19. Jahrhundert durch den Sturm und begegnet einem Reiter auf einem weißen Pferd, das an ihm vorbei den Deich hinab rast. Davon berichtet er in dem Gasthaus, in dem er Zuflucht gesucht hat, und erfährt, dass das Auftauchen des Schimmelreiters Unglück bedeutet. Der alte Schulmeister (Thorsten Tinney in einer Dreifachrolle) erzählt ihm daraufhin die Geschichte des Außenseiters Hauke Haien (Sascha Kurth, mit einprägsamem Schauspiel und guter Stimme), die Mitte des 18. Jahrhunderts spielt. Von Kindheit an fasziniert ihn das Berechnen und Vermessen der Welt um ihn herum so sehr, dass er alles um sich vergisst. Die Beoabachtung der nordfriesischen Landschaft, des Sturms, der Flut führt zu der Erkenntnis, dass der Deich zum Wasser hin zu steil ist und deshalb die hohen Wellen bei Sturm anschlagen und den Deich auswaschen: ‚Uns're Deiche sind nichts wert. Erwachsen geworden hält Hauke mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Der Außenseiter, der seinen Kopf in Bücher steckt, während andere mit den Händen arbeiten, wird zum Besserwisser, der Traditionen nicht achtet. Er macht sich keine Freunde bei den Männern. Deren Wortführer, Haukes schärfster Widersacher, ist Ole Peters (Dennis Henschel, präsent und stimmgewaltig vor allem im zweiten Akt). Das Musical konkretisiert dies in einer Mobbingaktion, nach der sich Hauke einsam im Sturm im Watt vorfindet. 

‚Sturm, komm auf!‘ - Hauke Haien (Sascha Kurth) wurde von Großknecht Ole Peters und seinen Anhängerin ins Watt gejagt. Trotzig ruft er in den Sturm hinaus, dass er die Geister nicht fürchtet und der Flut zeigen wird, wo ihr Platz ist.  
Foto: ©Christian Tech

Ängstlich und doch trotzig bietet er den Naturgewalten die Stirn: ‚Sturm, komm' auf! ‘ Dieser Trotz nimmt agressive Züge an, als er seinen zahmen Vogel von einem Angorakater geschlagen sieht. Sein Vater muss die alte Trin Jans (Kaatje Dierks mit großer Bühnenpräsenz und Stimme) mit Geld besänftigen, weil er ihren Angorakater getötet hat. Die alte Frau mit dem "zweiten Gesicht" verflucht ihn als gottlos und prophezeit Unheil. Sie hat die Vision eines Strafgericht Gottes, einer blutigen Sturmflut – eines der eindrucksvollsten Bilder in dieser visuell beindruckenden Produktion. 

‚Die Sündenflut‘ - Trin Jans (Kaatje Dierks, hinten Mitte) mit Ensemble als erwachten Toten, hat "das zweite Gesicht" und sieht Unheil für Hauke Haien bevor. 
Foto: ©Christian Tech

Hauke verlässt den Hof seines Vaters, des Kleinbauern und Landvermessers Tede Haien (jederzeit präsent, Thorsten Tinney). Durch Vermittlung von Tochter Elke Volkerts (Pamina Lenn mit klarer, schöner Stimme als selbstbewusste Frau), die den Haushalt ihres Vaters führt und selbst des Rechnens mächtig ist, wird Hauke Kleinknecht des Deichgrafen Tede Volkerts (Volker Metzger mit gutem komischen Timing), dem es das Wichtigste ist, gut zu tafeln. Damit ist er nominell dem Großknecht Ole Peter unterstellt, aber durch die Einbindung in Revisionsprüfung und Abrechnung steht er über ihm und entgeht weitgehend der schweren Arbeit. Elke entwickelt Zuneigung für den schüchternen, intelligenten Mann. Sie treibt ihrer beider Beziehung voran, da Hauke seine Gefühle schwer zeigen kann. Von Anfang an wird jedoch klar, wie wichtig ihm Elkes Zuneigung ist (wunderschönes Duett ‚Sternenmeer‘). Sie stärkt ihn und macht ihm Mut. Als er beim Eisboseln zeigt, dass er auch gut den Ball werfen kann und den Vetretern der Marsch den Sieg bringt (‚Für die Marsch, für die Geest‘), bringt man ihm erstmals Respekt entgegen. Als Haukes Vater stirbt, erfährt der gerührt, dass dieser gespart hat, um seinem Sohn etwas Besitz vermachen zu können. Nach dem Tod von Elkes Vater entbrennt eine Diskussion über den neuen Deichgrafen. Ole Peters der sich nach Elkes Abfuhr die vermögende Vollina Harders (Anja Backhus, mit starker Stimme) zur Frau genommen hat, sieht sich schon als der neue Deichgraf. Doch der Stellvertreter ("Gevollmächtigte") Jeve Manners (Nico Schweers) rät trotz der Jugend zu Hauke Haien, da dieser in den letzten Jahren die Stelle ohnehin ausgefüllt hat. Als es daran scheitert, dass er nicht genug Land besitzt, um Deichgraf zu werden, ergreift Elke die Initiative. Sie erklärt beider Verlobung und überschreibt ihm noch vor der Hochzeit genug Land, dass er Deichgraf werden kann. Kaum verheiratet und im Amt, beginnt Hauke sofort mit der Planung des neuen Deichs. Stolz präsentiert er die Pläne für einen neuen Deich, da der alte einer neuen Sturmflut nicht standhalten werde. Sein breiter Deich mit der abgeflachten Schräge zum Wasser hin dagegen bedeute Sicherheit für alle. Auch werde er dem Meer neue Kooge (eingedeichtes Land) zur Bewirtschaftung abringen. Der neidische, arrogante Ole Peters ruft die anderen zum Widerstand wegen der zu erwartenden schweren Arbeit auf. Der alte Deich sei gut genug und habe bisher auch gehalten. Er macht sich lustig über den ‚Deichgraf seines Weibes wegen‘. Hauke schwört, dass er beweisen wird, dass er Deichgraf aus eigenem Können ist. Der Oberdeichgraf genehmigt das Projekt und Hauke treibt die Leute erbarmungslos zur Arbeit an. Sein Deich soll noch in diesem Jahr fertig werden: ‚Weiter als zuvor‘ ("geschaffen für die Ewigkeit").

‚Deichgraf sein, ist eine Bürde‘ - Deichgraf Tede Volkerts (Volker Metzger) liebt gutes Essen. Auf Betreiben seiner Tochter Elke (Pamina Lenn,3.v.r.) hat er den rechenkundigen Hauke Haien (Sascha Kurth, 4.v.r.) als Kleinknecht angestellt.  
Foto: ©Christian Tech

Da entdecken der Knecht und ein Stalljunge auf einer in Sichtweite liegenden Hallig ein Pferdeskelett, das im Nebel lebendig zu werden scheint. Auf dem Rückweg aus der Stadt kauft Hauke einem Mann ein abgemagertes Pferd für 30 Taler ab. Er ist sicher, dass es Feuer hat und nur vernachlässigt wurde. Als er es nach Hause bringt, lässt er sich nur von seinem neuen Herrn reiten. Der Stalljunge meint, in dem Schimmel das Pferdeskelett von der Hallig wieder zu erkennen und läuft davon. Er tritt bei Ole Peters in den Dienst und bald gilt der Schimmel, der immer kräftiger wird und feuriges Araberblut zeigt, als, ‚Das Teufelspferd‘. Auf ihm taucht der junge Deichgraf Tag und Nacht auf der Baustelle auf und inspiziert die Arbeit. Während die Arbeiter mit ihren Deichrammen in rhythmischen Schlägen die Oberfläche des neuen Deiches choreografiert verdichten, greift die irrationale Angst vor Unheil um sich. 

Elke sieht Hauke wenig und fängt an, an seiner Liebe zu zweifeln: bewegend beider Wechselgesang ‚Glaubst Du noch an mich?‘, eine wunderschöne Pop-Ballade, die auch für sich steht. Elke fürchtet auch, dass sein Rückzug mit ihrer Kinderlosigkeit zu tun hat, doch er beruhigt sie, dass sie nur zusammenhalten müssen. Endlich schenkt sie einem Kind das Leben, droht jedoch am Kindbettfieber zu sterben. Da bleibt nur Beten, wie der Arzt meint, etwas, das für den Verstandesmenschen Hauke ungewohnt ist. In seiner Verzweiflung, das Liebste zu verlieren, fleht er Gott unbeholfen an: „Lass sie leben, Herrgott – wenn es Dich gibt!“ Die Magd hört dies und sieht darin die Leugnung Gottes. Während Hauke in der Novelle "nur" die Allmacht Gottes in Frage stellt, geht das Musical einen Schritt weiter. Die Magd besucht eine pietistische Zusammenkunft (Konventikel) der Frauen und wird von Oles Frau Vollina gedrängt, vom Haukes Frevel zu berichten. Alle sind sich einig: „der Deichgraf wird fallen.“ Vollina schürt den Aberglauben mit dem "Teufelspferd" und erinnert daran, dass Hauke als Kind schon einen Kater erschlagen hat. Das Musical verknüpft die abergläubische Angst und die bigotte Frömmigkeit hier konkret mit Handlungssträngen und macht sie durch die Stellvertreter-Figuren von Trin Jans und Vollina fassbar. Hauke wendet sich beim Zuschütten des Priels zwischen dem neuen und dem alten Deich gegen die Tradition „etwas Leb(end)iges“ im Bau zu vergraben. Das Musical legt Ole abschließend die Worte in den Mund: „ein schwachsinniges Kind gab man auch hinein“. Hauke lehnt diesen abergläubischen Frevel ab. Welch Ironie, dass man ihn gottlos nennt! Die persönliche Abneigung und die irrationalen Ängste vor Unglück oder Strafe Gottes wachsen. Doch allen Unkenrufen zum Trotz wird der Deich fertig, eingeweiht und auch vonen denen bejubelt, die gegen Hauke waren. Er glaubt, dass er allen bewiesen hat, dass er ein Deichgraf aus eigener Kraft und eigenem Können ist. Als der erste Sturm kommt, gibt es nur Schäden am alten Deich, die leicht ausgebessert werden. Hauke sieht sich bestätigt.

Elke Volkerts (Pamina Lenn) sorgt sich um die Zukunft, insbesondere um ihre geistig zurückgebliebene Tochter Wienke (auf dem Schimmel: in der besuchten Vorstellung: Feline) und möchte fortgehen, während Hauke Haien (Sascha Kurth, hinten r.) mit der Tochter auf den Deich geht.
Foto: ©Christian Tech

Währenddessen ist es Elkes große Trauer und Sorge, dass sie Hauke kein gesundes Kind, das seine Stellung stärken würde, schenken konnte. Sie sorgt sich um die Zukunft ihrer Tochter Wienke und um ihre Familie: ‚Für wen?‘ Hauke schlägt sie vor, fortzugehen, um irgendwo anders ein neues Leben zu beginnen. Ihm danke man seine Anstrengungen ja doch nicht. Tochter Wienke ist geistig zurückgeblieben, doch der Vater liebt sie und sieht es nicht gern, dass die alte Trin Jans, die auf dem Hof ihren Lebensabend verbringt, dem Kind ihre Geschichten von Wasserfrauen erzählt. Als er Wienke auf seinem Schimmel mit auf den Deich nimmt, hat sie Angst vor dem Wasser und lässt sich vom Vater, bei dem sie sicher sei, kaum beruhigen. Das Meer spreche mit ihr ...

Hier schließt sich der Kreis zum Anfang. Eine große Sturmflut kommt und trotz Bitten von Frau und Kind muss er wieder hinaus auf den Deich. Im Sterben hat Trin Jans erneut die Vision der blutigen Sturmflut – dem Strafgericht Gottes. Der Hauke-Haien-Deich hält dem Ansturm stand, doch am Übergang zum alten Deich bricht das Wasser ein. Ole entscheidet ohne Rücksprache mit dem Deichgrafen, den Priel zu durchstoßen, um die Koog hinter dem alten Deich zu retten. Es kommt zu einer letzten Auseinandersetzung zwischen Hauke und ihm. Plötzlich hat Hauke eine Erscheinung Vision oder Realität fragt sich die Zuschauende: Elke und Wienke, die er sicher auf der erhöhten Werft des Hofes wähnt, kommen mit dem Wagen über den Deich auf ihn zu. Er fleht Gott oder die Fluten an, ihm Frau und Kind nicht zu nehmen. Der Tod soll ihn nehmen statt ihrer. Kurz darauf verschwinden Schimmel und Reiter in den Fluten – ein beeindruckendes Bild. Was mit seiner Frau und Kind ist, bleibt im Musical offen. Sieht er sie nur im Sterben am Meeresgrund vereint, ist Elke mit Wienke entkommen? Die Erzählebenen verschwimmen. Wir sind wieder im 19. Jahrhundert. Der Schulmeister hat seine Geschichte vollendet. Abgeklärt zeigt er Verständnis dafür, dass die Menschen etwas brauchen, um sich die Dinge zu erklären, die sie nicht verstehen. Die Vergleichende Religionswissenschaft sieht hierin die Grundlage der Entstehung von Mythen und eben auch des Aberglaubens. Abschließend bedauert der Schulmeister, dass die Menschen nicht sehen, dass sein Deich 100 Jahre hielt, sondern Hauke ihnen wegen ihres Aberglaubens nichts galt. So werden am Ende nochmals aufgeklärtes Denken und Aberglauben gegeneinander gestellt wie zwei Welten. Damit ist das Musical im Heute angekommen. 

Bei einer Zusammenkunft des pietistischen Konventinkels fordert Vollina Harders (Anja Backhus, Mitte) die Magd Ann Grete (Alida Will, 2.v.l., in der besuchten Vorstellung Maja Dickmann) auf, von Deichgraf Haiens gottlosem Verhalten zu berichten.
Foto: ©Sophia Walkenhorst

Ästhetische und atmosphärische Szenenbilder

Das Thema des Deiches ist im Bühnenbild von Charles Quiggin allgegenwärtig. Schon der Junge Hauke sitzt symbolisch auf dem Modell seiner Deichkonstruktion, sie ist zunächst klein und erwächst im Laufe der Handlung zur großen abgestuften Spielfläche. Durch das Zusammenwirken von Quiggins Bühnenbild mit seinen ausgesuchten historisch inspirierten Versatzstücken, dem Lichtdesign von Ben Affleck und dem herausragenden Videodesign und Visual Artwork von Michael Balgavy – unterstützt von den technisch-gestalterischen Möglichkeiten eines Pandoras Box Medienservers – enstehen eindrucksvolle atmosphärische und auch ästhetische Bilder, wie beispielsweise der rotglühende Baum, der wie im Indian Summer leuchtet. Die atmosphärischen Videoprojektionen setzen sich in den Seiten fort wie in einem halben Magic Carpet und Prospekte, wie beispielsweise der schwebende Kirchturm, spiegeln sich in den Seiten, sodass eines im anderen fortgeführt wird und eine neue Dimension erhält. Jede Szene erhält ihre eigene Atmosphäre. Zu dem gelungenen Zusammenspiel tragen auch auch die historisch stimmigen Gewänder bei, die zuweilen wie beim Oberdeichgrafen herrlich überzeichnet sind, oder in denen mit traditionellen Elementen norddeutsch-skandinavischer Stoffe mit Streublumen und Farbigkeit gespielt wird (Kostümbild: Aleš Valášek), sowie das eindrucksvolle Maskenbild bei Lebenden und Toten von Elke Quirmbach bei. Eine besondere Rolle spielt das Puppet Design von Roger Titley, der den Schimmel des Schimmelreiters kreiert hat. Die Pferde-Puppet erinnert ein wenig an die Kreationen von „War Horse“ und wird durch drei Spieler zum Leben erweckt. Sie verkörpert die Angst vor Unheil und Tod. 

‚Die Flut‘: Ole Peters (Dennis Henschel, vorne r.) verleumdet erneut Hauke Haien (Sascha Kurth, vorne l.) und macht ihn für den Bruch des alten Deiches verantwortlich
Foto: ©Christian Tech

Ein audiovisuelles Erlebnis

„Der Schimmelreiter“ ist nicht nur visuell, sondern auch auditiv ein Erlebnis. Keine Frage, wir Musicalbesucher lieben Live-Musik, denn sie macht jeden Musicalbesuch einzigartig. Doch leider werden die Musiker in den großen Live-Produktionen immer weniger und oftmals kommen Teile vom Band.  Dass eine ausgezeichnete vorab eingespielte Musikproduktion mit Orchester (laut Programmheft 15 Musiker) nicht zum Nachteil sein muss, hat das Team von Spotlight Musicals (allen voran Dennis Martin, welcher 2025 von der Gema mit dem "Deutschen Musikautorenpreis" ausgezeichnet wurde), hinlänglich bewiesen – mindestens seit „Kolpings Traum“. „Der Schimmelreiter“ beinhaltet ein berührendes Solo, ein großes Liebesduett, einen bewegenden Wechselgesang, mitreißende, teils sehr rhythmische, temporeiche Ensemble-Nummern und die kämpferischen Duette zwischen Hauke Haien und Ole Peters. Hinzukommt das Underscoring von Marian Lux, das die atmosphärische Wirkung der Szenen wesentlich mitbestimmt. Dieser aufwändigen Musikproduktion, bei der Arrangements und Orchestrierung minutiös abgestimmt wird, muss auch der Sound im Saal inklusive der Einstellung der Mikroports gerecht werden. In der besuchten Vorstellung war Anja Backhus leider etwas zu laut eingestellt und das Ensemble klang anfangs weiter hinten im Saal etwas blechern.  

Starke Charaktere und Darstellende

Sascha Kurth überzeugte bereits in einigen Spotlight-Musical-Produktionen, so zuletzt alternatierend in der Titelrolle von „Robin Hood“. Die Rolle des Hauke Haien wurde ihm erstmals auf den Leib geschrieben. In seinem authentischen Spiel verleiht er Hauke autistische Züge, bis hinein in die verkrampfte Haltung der Arme und die eingeknickten Hände. Nur wenn er am Tisch an seiner Arbeit sitzt und rechnet oder reitet, entspannt sich diese Haltung. Provoziert, zeigt sich sein Hauke auch kämpferisch und der gesangliche Wettstreit mit Dennis Henschel macht einfach Freude. Dennis Henschel als Widersacher ist stimmlich stark und schauspielerisch präsent, auch wenn er sich im ersten Akt noch etwas zurückzunehmen scheint, was aber angesichts der Stellung als Knecht ohne Land ins Bild passt. Pamina Lenn berührt mit ihrer klaren, klangvollen Stimme und spielt Elke Volkerts als für ihre Zeit sehr selbstbewusste Frau. Sie ist die Herrin im Haus und bietet auch den Männern Paroli. Ihre verletzliche Seite wird deutlich, als sie Angst hat, ihrer traditonellen Rolle als Frau und Mutter nicht gerecht zu werden. Anja Backhus überzeugt mit Bühnenpräsenz und großer Stimmkraft. Sie spielt die vermögende, ehrgeizige und verschlagene Vollina Harders, die Ole Peters gegen Hauke Haien anstachelt. Thorsten Tinney schlüpft gleich in drei Rollen. Als aufgeklärter Schulmeister erzählt er dem Reisenden die Geschichte, streng und doch empathisch gibt er Haukes Vater Tede Haien und in seiner Darstellung des hochherrschaftlicher Oberdeichgraf voller Komik wird er durch das historische und zugleich überzeichnete Kostümbild von Aleš Valášek unterstützt. Kaatje Dierks' Figur der Trin Jans verschwimmt zwischen Hexe und Seherin. Ihre Auftritte haben etwas Suggestives, auch wenn sie mit ihrem Spiel am Rand des Wahnsinns in Gefahr ist, unfreiwillig komisch zu wirken. 

Fazit zu Stück und Inszenierung

Das Autorenteam um Dennis Martin arbeitet mit einprägsamen Originalzitate und orientiert sich auch in den Gesangstexten an Storms Poesie, wodurch das Musical werkgetreu bleibt und die Vorstellungsbesucher zwingt, genau zuzuhören. Dieses Musical ist im besten Sinn kein Mainstream. Gegenüber eher diffusen Andeutungen in Storms Novelle über Gerüchte und Geschwätz wird im Bühnenstück die Kraft des Aberglaubens und die der pietistischen Gottesfurcht an konkreten Ereignissen und zentralen Figuren festgemacht. Dadurch erhält im zweiten Akt die Handlung um Hauke Haien und den Bau des neuen Deiches etwas geradezu Getriebenes. Das kommt dem Fluss der bewegenden Inszenierung von Simon Eichenberger (Regie und Choreografie) sehr zugute. Inhaltlich und dank der klaren Personenführung der Regie und der die Handlung unterstreichenden Choreografien von Eichenberger und Marta di Giulio wirkt die Geschichte schlüssiger als Storms Novelle. Das Publikum erlebt ein ästhetisches und atmosphärisches Feuerwerk mit poetischem Tiefgang.

„Der Schimmelreiter - Ein Mystery-Musical“ ist dieses Jahr noch bis zum 6. September zu sehen. Weiterer Spielort ist Hameln, vom 12. Dezember 2026 bis 3. Januar 2027.

Gerade wurde veröffentlicht, dass das Musical über ‚Den Reiter zwischen den Welten‘  im Rahmen des Musicalsommers Fulda 2027 erneut zu erleben sein wird. Es kehrt vom 25. Juni bis 29. August 2027 in das Schlosstheater Fulda zurück. 

Barbara Kern

Reprisen 'Sternenmeer / Der Reiter zwischen den Welten' - Die Ebenen verschwimmen: Schulmeister (Thorsten Tinney, vorne Mitte l.) und Reisender (Sascha Kurth, vorne Mitte, r.), und Elke Volkerts (Pamina Lenn) mit Kind Wienke (in der besuchten Vorstellung: Feline, beide r.)
Foto: ©Christian Tech

Der Schimmelreiter - Das Musical

Kreativteam

Musik, Buch, Liedtexte, Arrangement & Musikproduktion:
Dennis Martin
Buch & Liedtexte: Christoph Jilo & Kevin Schroeder 
Arrangement & Underscoring: Marian Lux
Orchestrierung & Arrangement: Frank Hollmann
Musikproduktion & Sounddesign: Fabian Kampa

Regie & Choreografie: Simon Eichenberger
Zusätzliche Choreografie: Marta di Giulio
Puppen-Regie: Markus Schabbing
Bühnenbild: Charles Quiggin
Kostümbild: Aleš Valášek
Maskenbild: Elke Quirmbach
Videodesign & Visual Artwork: Michael Balgavy
Lichtdesign: Stephanie Affleck
Dance Captain: Raphaela Pekovsek

Besetzung 12. August 2026

Hauke Haien / Reisender: Sascha Kurth 
Elke Volkerts: Pamina Lenn
Ole Peters: Dennis Henschel 
Vollina Harders: Anja Backus
Schulmeister / Tede Haien / Oberdeichgraf: Thorsten Tinney
Trin Jans: Kaatje Dierks 
Deichgraf Tede Volkerts / Arzt: Volker Metzger

Magd Ann Grete / Ensemble: Maja Dickmann
Magd Gesche / Ensemble: Emma Sophie Adelmann
Magd Wiebke / Ensemble: Sophie Bauer
Leiterin Else / Ensemble: Raphaela Pekovsek
Dienstmagd / Lene / Ensemble: Jo Rackham
Dienstmagd / Mareike / Ensemble: Irene Eggerstorfer
Witwe Wohlers / Ensemble: Tina Haas

Schimmel:
Pferd Kopf: Christopher Dederichs
Pferd Herz: Stefano Francabaniera
Pferd Hind: Robin Scheel

Iven Johns / Ensemble: Samuel Jonathan Bertz
Jeve Manners / Unbekannter / Ensemble: Nico Schweers
Lütten / Ensemble: Tobias Korinth
Carsten / Ensemble: Niklas Schurz
Wirt Friedrich / Ensemble: Steven Seale
Pastor Jansen / Ensemble: André Haedicke
Wiens / Ensemble: Torsten Paul
Junger Hauke: Amii
Wienke: Felini