"Heiße Ecke" im Schmidts Tivoli in Hamburg - 22- Jahre: Ein Imbiss, neun Darsteller und eine Liebeserklärung, die einfach nicht alt wird -

Veröffentlicht am 6. September 2026 um 20:44

Foto: Heiße Ecke Logo, Schmidt Tivoli GmbH, Pressebereich

Rezension der Vorstellung vom 5. September 2026 im Schmidts Tivoli Hamburg

FOTO: Brinkhoff / Mögenburg - Die leichten Damen der "Heißen Ecke" philosophieren zu echten Ergüssen und aktuellen Einkaufserlebnissen :) 

Wie schafft es ein Musical, mehr als 22 Jahre nahezu täglich auf derselben Bühne zu stehen, ohne zum musealen Dauerbrenner zu werden? Die „Heiße Ecke“ im Schmidts Tivoli liefert darauf eine erstaunlich einfache Antwort: indem sie sich verändert, ohne ihre Seele auszutauschen. Am 5. September 2026 erlebten wir neun vielseitige Darstellerinnen und Darsteller, mehr als 50 Figuren und einen Abend, der einmal mehr zeigte, dass diese Produktion inzwischen nicht nur Hamburger Musicalgeschichte geschrieben hat – sondern noch immer quicklebendig ist.

Es gibt diese Musicals, bei denen man irgendwann hauptsächlich über Zahlen spricht. Wie viele Jahre? Wie viele Vorstellungen? Wie viele Zuschauer?

Bei der „Heißen Ecke“ sind diese Zahlen tatsächlich beeindruckend. Am 16. September 2003 feierte das St.-Pauli-Musical seine Uraufführung im Schmidts Tivoli. Inzwischen zählt das Theater mehr als drei Millionen Gäste und über 5.800 Vorstellungen.

Die interessantere Frage lautet deshalb: Was passiert eigentlich mit einem Musical, wenn es 22 Jahre lang älter werden darf? Im Fall der „Heißen Ecke“ lautet die Antwort: erstaunlich viel – und im entscheidenden Punkt erstaunlich wenig. Die Reeperbahn verändert sich. Die Heiße Ecke auch!

Der Stadtteil hat sich verändert, das Publikum hat sich verändert, gesellschaftliche Wahrnehmungen haben sich verschoben und auch Humor funktioniert heute teilweise anders als vor mehr als zwei Jahrzehnten.

Eine „Heiße Ecke“, die 2026 noch exakt so gespielt würde wie bei ihrer Uraufführung, wäre deshalb vermutlich tatsächlich irgendwann ein Museumsstück geworden.

Doch genau das ist nicht passiert. Die Produktion wurde über die Jahre immer wieder angepasst und aktualisiert. Neue Gesichter kamen hinzu, andere verabschiedeten sich, Darsteller übernahmen Figuren von ihren Vorgängern und entwickelten daraus wieder etwas Eigenes. Das Stück durfte mit seinen Darstellern und seinem Publikum älter werden. Und trotzdem blieb etwas unangetastet: sein Herz.

Denn die „Heiße Ecke“ handelt nur vordergründig von Currywurst, Rotlicht, Reeperbahn und Hamburger Schnauze. Eigentlich handelt sie von Menschen.

24 Stunden – und ein ganzer Stadtteil zieht vorbei -Die Grundidee ist nach wie vor wunderbar einfach. Ein Imbiss auf St. Pauli. 24 Stunden. Hannelore und ihre Crew hinter dem Tresen – und davor zieht die Welt vorbei.

Da begegnen sich Touristen und Kiez-Urgesteine, Müllmänner und Nachtschwärmer, leichte Mädchen und schwere Jungs, Partygänger und Menschen, die eigentlich längst genug vom Kiez haben und trotzdem nicht von ihm loskommen.

Neun Ensemblemitglieder verkörpern dabei Abend für Abend mehr als 50 Rollen. Und irgendwann begreift man, dass die Currywurst eigentlich nur der gemeinsame Nenner ist. Denn am Tresen werden Lebensgeschichten serviert.

Manche dauern nur wenige Minuten. Manche sind laut und komisch. Andere sind überraschend melancholisch. Einige Figuren sind bewusst bis an die Grenze zur Karikatur überzeichnet. Wer die „Heiße Ecke“ nur als unkompliziertes Gute-Laune-Musical betrachtet, unterschätzt vor allem die Leistung des Ensembles.

Denn die eigentliche Sensation des Abends ist nicht irgendein spektakulärer Bühneneffekt. Es sind diese neun Menschen.

In der von uns besuchten Vorstellung am 5. September 2026 standen Maraile Woehe, Katrin Taylor, Tiziana Turano, Sarah Matberg, Stefanie Schwendy, Heiko Wohlgemuth, Kristian Lucas, Karim Plett-Pfister und Udo Eickelmann auf der Bühne.

Maraile Woehe wird unter anderem zu Hannelore, Lotte und Hilde. Katrin Taylor spielt Manu, Nadja und weitere Figuren. Tiziana Turano begegnet uns als Lisa, Martina und Sunny, Sarah Matberg unter anderem als Margot und Natascha und Stefanie Schwendy als Elke und Sylvie. Auf männlicher Seite verwandelt sich Heiko Wohlgemuth unter anderem in Pitter, Kurt und Knud, Kristian Lucas in Mikie, Fred, Brummer und Manni, Karim Plett-Pfister in Lars, Jimmy, Sven und Seppl sowie Udo Eickelmann in Günther, Frankie, Henning und Klaus. Und das sind jeweils nur einige ihrer Figuren.

Die Vielseitigkeit dieser Cast ist eine der größten Stärken des Abends und gerade diese Wandlungsfähigkeit verdient besondere Anerkennung!

Eine andere Jacke, eine Perücke, ein veränderter Gang, ein anderer Dialekt, plötzlich ein völlig neuer Gesichtsausdruck – manchmal liegen zwischen zwei Figuren nur wenige Augenblicke. Doch ein Kostümwechsel allein macht noch keine neue Person.

Die tollen Kostüme von Doris Hassebrauck und Frank Kuder tragen zum positiven Gesamteindruck bei, in Erinnerung bleiben viele kleine Momente, wie die Glitzerschuhe von Olivia Jones, die Kostüme in der Musicalnummer wie z.B. die Eiskönigin- und Starlight Express-Kostümnachbildungen, oder sogar frivole Slipeinlagen die eine gewisse Größe demonstrieren.

Entscheidend ist, wie konsequent die Darsteller ihre Körperlichkeit verändern. Wie ein Mensch steht. Wie er schaut. Wie er spricht. Wie er auf andere reagiert. Hier zeigt sich die große Erfahrung der gesehenen Besetzung vom 5. September.

Im besten Fall vergisst man tatsächlich für einen Moment, dass man dieselbe Darstellerin oder denselben Darsteller wenige Minuten zuvor in einer völlig anderen Rolle gesehen hat. Genau diese Verwandlungskunst ist der eigentliche Spezialeffekt der „Heißen Ecke“. Die Geschwindigkeit ist nach wie vor atemberaubend! Natürlich existieren nach mehr als 5.800 Vorstellungen Abläufe, die sitzen müssen. Diese Maschine muss schließlich funktionieren, wie die Tatsache, dass rechtzeitig genügend Würste auf dem Grill liegen. 

Eine schöne Besonderheit unserer Vorstellung war Heiko Wohlgemuth. Denn hier verschwimmen die Grenzen zwischen Autor und Darsteller. Wohlgemuth spielt an diesem Abend Pitter, Kurt, Knud und weitere Figuren – gleichzeitig stammen die Songtexte der „Heißen Ecke“ aus seiner Feder. Einer der Menschen, der dieser Welt seine Sprache gegeben hat, steht damit selbst mitten in ihr. Das ist beinahe sinnbildlich für die besondere Kontinuität der Produktion.

Auch musikalisch versucht die Produktion glücklicherweise nicht, Broadway oder West End zu imitieren. Die Songs von Martin Lingnau mit den Texten von Heiko Wohlgemuth können frech und laut sein, dann wieder sentimental oder erstaunlich leise. Über die Jahre wurden auch Änderungen vorgenommen, die gefallen: “Zwischen gestern und Morgen“ ersetzt das wunderschöne “Gib mir noch Zeit“ und “Ankerplatz St. Pauli“ eröffnet jetzt die zweite Hälfte im neuen Gewand. Ohrwurmqualität haben "Der Engel von St. Pauli" und "Nie wieder Ti amo!" 

Auf den seitlichen Plätzen präsentierte sich die Tonmischung während der besuchten Vorstellung nicht immer optimal, wir waren zu dritt und hätten uns ein wenig mehr Bass und weniger blechernen Klang gewünscht. Bei einer so erfahrenen und professionellen Produktion sollte ein Zuschauer am Rand des Saales möglichst genauso gut versorgt werden wie in zentraler Position. Während der Vorstellung öffnete sich wiederholt eine seitliche Servicetür. Von unserem Platz aus ging der Blick dadurch durch die dahinterliegenden Bereiche, inklusive Currywurst Ausgabestation und Durchblick bis auf die Straße hinter dem Tivoli. Licht, Bewegung und der Blick hinter die Kulissen ziehen die Aufmerksamkeit aus einer Szene. Eine solche organisatorische Störung ist vermeidbar und sollte bei einer ansonsten so sorgfältig gepflegten Produktion nicht regelmäßig vorkommen.

Hinter 22 Jahren Erfolg stehen weit mehr Menschen als die neun Menschen, die auf der Bühne aktiv agieren: Thomas Matschoß schrieb das Buch, Martin Lingnau verantwortet Komposition und Vokal-Arrangements, die Songtexte schrieb Heiko Wohlgemuth, die spritzige und frische Regie führte Corny Littmann. Für die Musikproduktion zeichnen Martin Lingnau und Joachim Schlüter verantwortlich. Bader El Hindi schuf das großartige Bühnenbild und die Ausstattung (inklusive wunderbarer Leuchtreklame und einem smarten Imbiss dem Herzstück der Produktion), Doris Hassebrauck und Frank Kuder die Kostüme. Die Choreografie stammt von Laris Gec und Silvia Varelli.

Dazu kommt ein umfangreiches Team hinter den Kulissen. Auch das gehört zur Wahrheit eines Musicals, das mehr als 5.800 Vorstellungen überlebt hat. Kontinuität entsteht nicht von allein. Das ist wahre Teamwork! 

Die Menschen kommen und gehen. St. Pauli verändert sich. Die Reeperbahn verändert sich. Das Publikum verändert sich.

In der Heißen Ecke brennt das Licht auch nach 22 Jahren Spielzeit noch strahlend hell! 

Und nach diesem Abend darf es gerne noch sehr lange so weitergehen! Diese Produktion strahlt immer noch ganz wunderbar schillernd - wie ein Engel der St. Pauli überfliegt! Einfach immer Mal wieder ansehen.  

Stefan Huebsch

 

Foto: ©Brinkhoff/Mögenburg - Das Ensemble der heißen Ecke vor der farbenprächtigen Kulisse und in enormer Kostümvielfalt 

HEISSE ECKE – Das St. Pauli Musical
Schmidts Tivoli Hamburg
Besuchte Vorstellung: 5. September 2026

Besetzung des besuchten Abends:
Maraile Woehe – Hannelore, Lotte, Hilde u. a.
Katrin Taylor – Manu, Nadja u. a.
Tiziana Turano – Lisa, Martina, Sunny u. a.
Sarah Matberg – Margot, Natascha u. a.
Stefanie Schwendy – Elke, Sylvie u. a.
Heiko Wohlgemuth – Pitter, Kurt, Knud u. a.
Kristian Lucas – Mikie, Fred, Brunner, Manni u. a.
Karim Plett-Pfister – Lars, Jimmy, Sven, Seppl u. a.
Udo Eickelmann – Günther, Frankie, Henning, Klaus u. a.

Kreativteam:
Buch: Thomas Matschoß
Komposition und Vokal-Arrangements: Martin Lingnau
Songtexte: Heiko Wohlgemuth
Regie: Corny Littmann
Musikproduktion: Martin Lingnau, Joachim Schlüter
Bühnenbild / Ausstattung: Bader El Hindi
Kostüme: Doris Hassebrauck, Frank Kuder
Choreografie: Laris Gec, Silvia Varelli

Foto: ©Brinkhoff/Mögenburg "Mama halt doch Mal das Maul!" - Karim Klett-Pfister (links, als Lars) weist seine Mutter in die Schranken. In der besuchten Vorstellung standen andere Darstellerinnen in der Szene neben Karim auf der Bühne