„Rebecca“ in Dortmund – Das Stadttheater punktet mit emotionaler Intensität und handwerklicher Theatermagie

Veröffentlicht am 22. September 2026 um 18:46

‚Rebecca I‘ – Mrs. Danvers (Bettina Mönch) zeigt der verängstigten “Ich” (Antonia Kalinowski) Rebeccas Nachtgewandt
Foto: © Björn Hickmann

Stadttheater-Premiere am Opernhaus Dortmund 2026

Am 19. September 2026 feierte „Rebecca“ Premiere auf der Bühne des Opernhauses Dortmund, das in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag begeht. Es handelt sich um die erste freie Inszenierung an einem deutschen Stadttheater. Das Publikum erlebt die bewegende Coming-of-Age-Geschichte einer jungen Frau und zugleich einen Psychothriller. Von der technischen und handwerklichen Gestaltung bis hin zur inhaltlich-künstlerischen Seite dienen unter Regie von Gil Mehmert alle Gewerke der Erzählung der Geschichte, die dadurch eine große Intensität gewinnt.

Bereits zwei Jahre nach Erscheinen des Romans "Rebecca" im Jahr 1938, geschrieben von der englischen Schriftstellerin Daphne du Maurier ("Die Vögel", "Jamaica Inn"), verfilmte Großmeister Alfred Hitchcock den Kriminalroman im Stil des Film Noir. Dies blieb lange Zeit die bekannteste Adaption des Werkes.

2006 feierte das Musical „Rebecca“ von Michael Kunze & Sylvester Levay nach den Erfolgen mit „Elisabeth“ und „Mozart!“ an den Vereinigten Bühnen Wien Uraufführung – autorisiert von den Nachkommen Daphne du Mauriers. Inzwischen wurde das Stück in 12 Ländern gespielt, darunter 2008 in Japan, 2011 in der Schweiz und schließlich 2013 in Deutschland. 2017 feierte es seine Freilichtpremiere in Tecklenburg und 2022 war es beim Magdeburg Open Air zu sehen. Am Theater Dortmund ist das Musical erstmals an einem deutschen Stadttheater zu sehen.

Die Geschichte und ihre Adaption

Die Musicaladaption von „Storyarchitekt“ Michael Kunze, der vor allem bei „Elisabeth“ gezeigt hat, dass er wie die Autorin selbst Stückdramaturgie und Spannungsbogen beherrscht, folgt in seiner Fassung dem Romanaufbau du Mauriers. Die „Ich“-Erzählerin blickt im Traum zurück.

Erzählt wird im Folgenden die Geschichte einer gebildeten, mittellosen jungen Frau, die in den 1920er Jahren im mondänen Monte Carlo auf den verwitweten englischen Adligen Maxim de Winter trifft und sich in ihn verliebt. Er reißt sie aus ihrem Leben als Gesellschafterin einer steinreichen Amerikanerin, heiratet sie und nimmt sie mit auf sein Anwesen in Cornwall. Dort wird sie konfrontiert sowohl mit der Ablehnung der Bediensteten, denen sie nicht herrschaftlich genug auftritt, als auch mit der Verarchtung, später mit Intrigen der Haushälterin Mrs. Danvers, die ihre verstorbene Herrin Rebecca vergöttert hat und mehr. Letztere ist in der Einrichtung des Haushalts bis hin zu ihren geliebten Orchideen und Gegenständen präsent.

Die Vergleiche mit der mondänen, strahlend schönen Frau, die alles beherrschte, führen dazu, dass sich die schüchterne neue Frau an Maxims Seite zurückzieht und Mrs. Danvers alles überlässt. Die Präsenz Rebeccas erdrückt sie. Einzig in Gesellschaft ihres Mannes blüht sie auf, hat aber zunehmend das Gefühl, dass sie auch ihn enttäuscht. Als sie sich von der eifersüchtigen Mrs. Danvers in eine Falle locken lässt, führt dies zu einer unschönen Szene.

Erfüllt von der Angst, Maxims Liebe verloren zu haben, konfrontiert sie Mrs. Danvers und wird Zeuge – fast Opfer – der wahnhaften Verehrung/Liebe der Haushälterin für Rebecca, die diese von Kindheit an begleitet hat.

Epilog: Ich hab‘ geträumt von Manderley – Reprise: „Ich“ (Antonia Kalinowski) und Maxim de Winter (Mark Seibert) halten in ihrem neuen Leben aneinander fest, doch manchmal träumt Maxims Frau von den Schatten der Vergangenheit, Mrs. Danvers (Bettina Mönch, hinten oben) und Ensemble
Foto: © Björn Hickmann

Als ein Schiff vor der Küste kentert, wird dabei zufällig das Boot geborgen, auf dem Rebecca beim Segeln verunglückt sein soll. Maxim wird von der Vergangenheit eingeholt und gesteht seiner jungen Frau, dass er Rebecca, die ihn seit der Hochzeit betrogen und verhöhnt hat, im Zorn ermordet und mit dem Boot versenkt hat. Die junge Frau fühlt sich wie befreit, als sie erkennt, dass Maxim Rebecca nie geliebt hat und die lähmende Eifersucht fällt von ihr ab. Sie liebt Maxim fast noch mehr. Während er wie paralysiert ist und sich in sein Schicksal ergibt, richtet sie ihn auf. Ihr ist es zu verdanken, dass er aus der Gerichtsverhandlung und dem Erpressungsversuch durch Rebeccas Cousin Jack Favell unbeschadet hervorgeht. Die neue Mrs. de Winter kämpft und setzt sich gegen Mrs. Danvers durch, die ihrerseits durch das Auftauchen der Leiche ihrer geliebten Rebecca und der Eröffnung eines Geheimnisses aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Am Ende sind Maxim und seine Frau durch ihre Liebe befreit, daran ändert auch Mrs. Danvers wahnhafte Zerstörung Manderleys nichts.

Komposition und musikalische Umsetzung

Sylvester Levay komponierte die Musik für das DramaMusical zum fertigen Libretto von Michael Kunze. Neben Musicalballaden und Up-Tempo-Nummern schuf Levay einen filmmusikalischen Score mit atmosphärischen Elementen und arbeitete mit thematischen und Figur-bezogenen Leitmotiven, welche die Stückdramaturgie unterstützen. Herausragend ist das Orchesterwerk ‚Rebecca‘, die beschwörende Ode ‚Sie ergibt sich nicht‘ und die große rhythmischen Ensembleszene ‚Strandgut‘.

Im Orchestergraben des Dortmunder Opernhauses sorgen die Dortmunder Philharmoniker unter Leitung von Carlos Vázquez für einen vollen Klang, der den Saal ausfüllt. Trotz des schönen Zusamenklangs, sind differenziert die bestimmenden Instrumente zu hören und bei den rhythmischen Up-Temo-Nummern spielen die Musikerinnen und Musiker mit dem nötigen Druck. Joerg Gruensfelder hat mit Regisseur Gil Mehmert bereits u.a. bei „Rent“, „Grease“ und „Sweeney Todd“ zusammengearbeitet. Dank seines ausgewogenen Sounddesigns harmonieren auch die Mikrofone der Solisten mit dem Raumklang und die gesamte Cast ist bis in die Ensemblenummern klar artikuliert zu verstehen.

‚Ich hab’ geträumt von Manderley’ – „Ich“ (Antonia Kalinowski) und Ensemble
© Björn Hickmann

Gerade ist seine Frau vor Angst vor ihm davon gelaufen – Maxim de Winter (Mark Seibert) fragt sich, weshalb er mit ihr nach Manderley zurückgekehrt ist: ‚Gott, warum?‘
© Björn Hickmann

‚Jenseits der Nacht‘ hoffen „Ich“ (Antonia Kalinowski) und Maxim de Winter (Mark Seibert) auf eine glückliche Zukunft ohne die Schatten der Vergangenheit
© Björn Hickmann

Stückregie und choreografische Gestaltung der Geschichte

Die Stücke von Michael Kunze & Sylvester Levay zeichnet ihre „Lebendigkeit“ aus. Jede neue Aufführung, jede Inszenierung führt zu einer „neuen“ Fassung, verleiht dem Stück mindestens neue Aspekte. So auch in Dortmund, wo Gil Mehmert Regie führt, der hier, angefangen von „The Full Monty“, über „Jesus Christ Superstar“, „Sunset Boulevard“, „West Side Story“, „Cabaret“, „Sweeney Todd“ bis hin zu „Jekyll & Hyde“ und zuletzt „Rent“ zahlreiche Erfolge feierte und zum Musicalregisseur des Opernhauses Dortmund avanciert ist. Seine Inszenierung von „Rebecca“ arbeitet die Fallhöhen der Geschichte durch behutsame Text-Bearbeitung besonders klar heraus: Ob Mr. de Winter (bei der Premiere: Mark Seibert, alternierend spielt Jan Ammann) die junge Gesellschafterin (Antonia Kalinowski) an seinen Tisch auf der Terrasse einlädt, nachdem sie unten im Eingang ein nasses Tischtuch produziert hat, oder Mrs. Van Hopper (Amani Robinson) ihrer Gesellschafterin schlicht rüde mitteilt, dass sie beide zurück nach New York fahren und diese in Panik die Rezeption anruft, wo sie hört, dass Mr. de Winter abgereist ist. An dieser Stelle erhält ‚Zeit in einer Flasche‘ ein besonderes Gewicht, glaubt „Ich“ doch, sie sieht den Geliebten nie wieder. Dass Beatrice (Alexandra Farkic) ihren sorgenvollen Monolog über ihren Bruder Maxim ‚Was ist nur los mit ihm?‘ in Gegenwart ihres Mannes Giles (Florian Soyka) als stummem Ansprechpartner singt, wirkt ebenso schlüssig. Nachdem im zweiten Akt Rebeccas Boot geborgen wurde, bricht Maxim de Winter vor den Augen seiner Frau zusammen. In Mehmerts Regie wirkt er verletzlich. Seine Schwäche führt zur Stärkung von "Ich". 

Die für „Ich“ bedrohliche Atmosphäre auf Manderley wird neben atmosphärischen Elementen und dem Getuschel der Dienerschaft ('Merkwürdig') vor allem durch Mrs. Danvers‘ (Bettina Mönch) Verhalten intensiviert.

Die Haushälterin hat wortwörtlich alles und alle im Blick. Im Wissen um Maxims Erlaubnis für einen neuen Ball auf Manderley und um die Probleme zwischen beiden, überschreitet die Haushälterin gegenüber der neuen Herrin immer wieder ihre Grenzen.

Das steigert sich im Verlauf der Handlung: Erst bedrängt sie diese mit ihrem Kult um Rebecca: Zuerst tanzt sie, das Nachtgewandt von Rebecca an den Körper gepresst, durch den Raum, dann erstickt sie „Ich“ fast mit eben diesem. Nachdem sie ihr als Rache für den zerstörten Amor die Falle mit Rebeccas Ballkostüm gestellt hat, nutzt sie ihre angegriffene Psyche aus, erniedrigt sie verbal und zwingt sie schließlich, sich in den Tod zu stürzen. Sie zieht die Widerstrebende mit Gewalt auf den Balkon.

Nur die Schüsse aus der Bucht retten sie. Als Mrs. Danvers am Ende erfährt, dass ihre geliebte Rebecca sie als engste Vertraute nicht in ihr Wissen eingeweiht hat, wie es um sie steht, erscheint ihr Verhalten sehr konsequent. Dass sie Manderley – mit Hilfe von Pyrotechnik – in Flammen versetzt, gewinnt dadurch, dass sie dazu Rebeccas Nachthemd über ihre eigene Kleidung anzieht, besonderes Gewicht.

Mrs. Danvers (Bettina Mönch) hat alles im Blick
Foto: © Björn Hickmann

Die Choreografien von Yara Hassan erzählen die Handlung weiter. Sie dienen der Dramaturgie, sind keinesfalls nur schmückendes Beiwerk, auch wenn die Auftritte der Tänzerinnen mit Federfächern bei ‚I’m an American Woman‘ und als Black Panther Girls mit weißen Handschuhen im Stil der Ziegfeld Follies bei ‚Eine Hand wäscht die and’re Hand‘ ein Augenschmaus sind. Speziell die Choreografien des Ensembles, die Bedienstete auf Manderley sind, bauen immer wieder Alltagsszenen, in der sich diese unterhalten, Dinge umräumen oder die Stimmung im Haus unterstreichen. Theatermagie durch das Ineinandergreifen von Regie, Choreographie und Ausstattung entfaltet die Szene ‚Am Abgrund/ Beim Zeichen‘, in der Maxim der jungen Frau den Blick von den Klippen aufs Meer zeigt. Das Ensemble übernimmt in der Szene davor unmerklich Stangen mit Segelbooten, die sie im richtigen Moment hochhalten, als „Ich“ begeistert die „Segel im Wind“ wahrnimmt.

Jack Favell (David Jakob) erklärt großspurig sein Konzept von ‚Eine Hand wäscht die and’re Hand‘, unterstützt von den Black Panther Girls (Ensemble), während „Ich“ (Antonia Kalinowski, hinten auf der Couch r.) und Frank Crawley (Markus Schneider) zuschauen.
Foto: © Björn Hickmann

Zeitliche Einordnung, bewegte Bühne und das Unterstreichen der Charaktere

Das Bühnenbild des erfolgreichen Designduos Karl Fehringer & Judith Leikauf ordnet die Handlung künstlerisch-architektonisch ins Art Déco (1919 bis 1939) ein, wie an den eleganten geometrischen Absätzen und Bögen zu sehen ist. Das gilt sowohl für das Monte Carlo der mittleren 20er Jahre als auch für Manderley bis hin zum Podest von Rebeccas Bett, das unter einem metallenen Kirchenbogen thront; nicht so einfach einzuordnen ist Rebeccas historistischer Sekretär im Morgenzimmer. Im Kontrast dazu stehen die braunen großen Ledersofas und Sessel in Maxims Bibliothek, die eher wie Erbstücke aus früheren Zeiten wirken. Auf der Drehbühne ist das zentrale Bühnenelement, das Turmzimmer mit großem Bett, von dem eine große Freitreppe im Bogen nach unten führt, immer in Bewegung. Wenn der Treppenbogen rechts hinunterführt, ist oben der Ostflügel, in dem „Ich“ ihr Zimmer hat, führt die Treppe links herunter, befinden sich oben Rebeccas geschmückte Gemächer im Westflügel. Prospekte mit aneinanderhängenden Bildern fliegen von oben ein. Dazu kommt der leere Rahmen, in dem sich Maxims vermeintliches Lieblingsbild der weißen Lady befinden soll. Es hängt wie ein Damoklesschwert oben als Sinnbild für die Falle, die Mrs. Danvers ihrer Herrin stellt, um sich zu rächen und die Liebenden zu entzweien. An der Seite des Treppenhauses ist das Bootshaus verortet, das mit einem Felsenelement, welches mit Drahtseilen abgesichert ist, ergänzt wird. Hier versteckt sich der geistig behinderte Ben (Max Lochmüller) und an es klammert sich der verzweifelt zusammenbrechende Maxim. Von der Seite werden noch die Garderobenzeile im Haus der Lacys und die Aktenregistratur im Büro von Frank Crawley (bei der Premiere: Alexander Schneider) hereingefahren.

‚Merkwürdig’ finden die Bediensteten (Ensemble) von Manderley die neue Frau ihres Herrn.
Foto: © Björn Hickmann

Das Lichtdesign von Könner Michael Grundner steuert gezielt die atmosphärische Wirkung. Düster mit dunklen, kalten Blautönen droht der Bogen von Manderley, wie anders zuvor die farbenfrohe Welt von Monte Carlo, fast gleißend hell, überdreht. Der Ball von Manderley wird durch Pinktöne bestimmt, bis hin zu den Stufen der Treppe, die „Ich“ als weiße Frau herabkommt. Als Mrs. Danvers Maxim und ich in der Bibliothek belauscht, umgibt sie fahles orangenes Licht.

Die Kostüme von Falk Bauer sind der Zeit, in der das Stück spielt, ebenfalls angepasst, unterstreichen aber auch die Figuren in ihrem Charakter, ihrem Auftreten und Ihrer Stellung. So trägt die junge Gesellschafterin „Ich“ anfangs ein braunes Kostüm, dann im siebten Himmel auf Hochzeitsreise ein Blümchenkleid im Stil von Laura Ashley und auf Manderley karierten Rock und Strickjacke mit Bluse im Collegestil. Ihre Verwandlung in die starke Frau wird durch die modernen Hosen und Oberteile in kräftigen Farben unterstrichen. Mrs. Danvers hochgeschnittenes Kleid mit dem weißen langen Kragen und ihre Hochstreckfrisur (Perücken und Maskenbild von Chefmaskenbildnerin Monika Knauer und ihrem Team) unterstreichen ihre Strenge à la Frau Rottenmeyer, wirken gleichzeitig eleganter als der Collegestil: karierter Rock und Strickjacke mit Bluse, ihrer Herrin. Im zweiten Akt trägt Mrs. Danvers ebenfalls Schwarz, das aber unterbrochen wird von dreieckigen Aussparungen, die wie Segel anmuten.

Die Mitglieder der Hautevolee von Monte Carlo werden eher „durch den Kakao gezogen“: im Tennisdress und Matrosenanzug wirken sie wie überdimensionierte Kinder. Der überzeichnete Anzug mit der breiten Krawatte und der pelzbesetzte Mantel von Jack Favell unterstreichen sein Mafioso-Auftreten. Die Kostüme der Tänzerinnen, die mit Federfächer auftreten und als Black Panther Girls im mit Palletten besetzten Bodysuits, wird die Erinnerung an die legendären Ziegfeld Follies wach.

‚Heut‘ verzauber ich die Welt‘ – „Ich“ (Antonia Kalinowski) steht im Rampenlicht, doch anders, als erhofft, mit Ensemble
Foto: © Björn Hickmann

Zauberhaft natürlich, emotional und talentiert – Rollendarsteller und Ensemble

‚Zauberhaft natürlich‘ findet Maxim de Winter (Mark Seibert) seine neue Frau (Antonia Kalinowski) 
Foto: © Björn Hickmann

Antonia Kalinowski verkörpert die junge unbekannte Frau, die mit der britischen Adelswelt und dem Geheimnis von Maxim de Winter konfrontiert wird. Der Song „Zauberhaft natürlich“ scheint ihr auf den Leib geschrieben, fasst ihr authentisches Spiel in Worte. Dass Maxim glaubt, dass sie mit dieser Natürlichkeit Licht in sein Leben bringt, erscheint folgerichtig. In ihrer Mimik spiegelt sich Freude, Angst, Schmerz, Verwirrung und Unsicherheit gleichermaßen überzeugend. Überzeugend zeigt sie auch die Verwandlung der „Ich“: von der linkischen, unsicheren Frau mit den großen Augen, die von unten zu den Leuten aufschaut – und das, obwohl die Darstellerin groß ist – zu der starken Frau, die „kein Kind“ mehr ist. Sie ist Maxims Stütze, geistig und körperlich, die sich auch vor ihrem Mann in eine Ohnmacht stürzt, als er sich in seiner Wut um Kopf und Kragen redet. Antonia Kalinowski hat eine schöne, klare, weittragende Stimme und verfügt über Bühnenpräsenz.

Mark Seibert spielt alternierend mit Jan Ammann die Rolle des Maxim de Winter: Bei der Premiere verkörperte Mark Seibert den von dunklen Schatten umgebenen Adligen, den seine Vergangenheit einholt. Er spielte die Rolle bereits in der Wiener Wiederaufnahme 2022. Bei der Premiere in Dortmund bildet den Höhepunkt seiner insgesamt eindrucksvollen Darstellung, die Interpretation von ‚Kein Lächeln war je so kalt‘. Hier verlor er sichtlich seine Fassung. Von der Inszenierung wird er dadurch unterstützt, dass er mit aus der Hose hängendem Hemd und einer Alkoholflasche in der Hand die Szene betritt und damit schon äußerlich am Ende ist. Seibert bewegte mit einer emotionalen Darstellung eines Mannes, der am Ende ist, der jede Hoffnung verloren hat, der nicht glauben kann, dass ihn seine Frau nach dem Geständnis noch lieben kann. Auch die Sequenz, in der er erzählt, wie Rebecca ihn verhöhnt hat, bevor er sie umbrachte, war großes Kino. Er harmonierte stimmlich sehr schön mit Antonia Kalinowski und überzeugte durchwegs gesanglich, auch in seinem anderen ausdrucksvollen Solo ‚Gott, warum?‘

Dabei wurde das Premierenpublikum vor der Vorstellung von Intendant Heribert Germeshausen darauf vorbereitet worden, dass es sein kann, dass Mark Seibert ausgewechselt werden muss. Markus Schneider stand während der gesamten Vorstellung Stand-by, um einzuspringen, doch Mark Seibert meisterte den Abend bravourös.

Großer Dank geht an Markus Schneider, der daher in der Premiere seine Rolle des Frank Crawley nicht spielen konnte. Bei der Castvorstellung hieß es, dass geplant ist, dass er eine eigene Vorstellung als Maxim de Winter erhalten soll. Seine Rolle des Frank Crawley übernahm sein Alternate Andreas Schneider, der mit viel Wärme in der Stimme ebenso wie in seinem Spiel überzeugte. Erfreulicherweise werden bei ‚Ehrlichkeit und Vertrauen‘ in Dortmund wieder beide Strophen gesungen, sodass Maxims Freund der jungen Frau vermitteln kann, welche wichtige Rolle sie für Maxim und die Zukunft von Manderley spielt.

‚Sie ergibt sich nicht’ – Mrs. Danvers (Bettina Mönch)
Foto: © Björn Hickmann

Bettina Mönch verkörpert in „Rebecca“ die große Widersacherin. Die Darstellerin hat in den letzten Jahren ihre enorme Vielseitigkeit gezeigt  – von Sally Bowles in Cabaret über Eva Péron in Evita, Mrs. Lovett in „Sweeney Todd“ bis hin zu Elisabeth im gleichnamigen Erfolgsmusical des Autorenteams, das auch „Rebecca“ schrieb. Mönch tritt als Mrs. Danvers auf und schlägt mit ihrer Bühnenpräsenz in ihren den Bann. Sie beeindruckt mit ihrer eigenen Interpretation des Titelsongs und liefert sich ein prächtiges Gesangsduell mit Antonia Kalinowski in ‚Rebecca (Reprise)/Nur ein Schritt’ . Auch ihre Mrs. Danvers macht in der Dortmunder Fassung eine deutliche Wandlung durch: von der gestrengen Haushälterin, die die neue Frau ihres Herrn als lästig empfindet, über ihre Lust daran, „Ich“ zu verängstigen, ihren Racheplan für den zerbrochenen Amor, bis sie mit Auftauchen von Rebeccas Boot im zweiten Akt nach und nach ihre Fassung verliert. Als die neue Mrs. de Winter sie in ihre Schranken weist, kämpft sie noch darum, Rebeccas Erbe zu bewahren. Herrlich die Szene, in der „Ich“ die Azaleen hinstellt und Mrs. Danvers sie mit dem Orchideentopf wegschiebt. Doch dann zerbricht die Getreue, die Liebende, an Rebeccas Schweigen und begeht die Wahnsinnstat. Es erscheint nur folgerichtig, dass sie den Ort zerstört, der ihr nicht länger etwas bedeutet.

David Jakobs, der am Theater Dortmund nicht nur in der Titelrolle von „Jekyll & Hyde“ überzeugte, spielt den schmierigen Jack Favell mit Verve, unterstützt durch seinen Mafiosi-Aufzug. Mit exzellentem Timing und strahlender Bösartigkeit drängt er „Ich“ in die Enge, zwingt ihr seine Nähe auf und beherrscht die Szene.

Seine Interpretation von ‚Eine Hand wäscht die and’re Hand‘ ist ein Genuss. Die Choreografie von Yara Hassan, bei der die Tänzerinnen im schwarzen Katzenkostüm in der Bibliothek die Hände aus dem Bücherregal strecken, unterstreicht diese noch.

Amani Robinson ist wie Mark Seibert eine Wiederholungstäterin. Sie spielte die Rolle der schrillen Amerikanerin Edith Van Hopper bereits in Wien und setzt die Pointen gekonnt. Robinson reizt mit Van Hoppers schriller „Kakadoo-Lache“ das Publikum zum Lachen und nimmt auch sonst mit gutem komischem Timing und Bühnenpräsenz für sich ein. Dass das Stück ihre Figur auch noch sagen lässt: „Ich mag es schrill“, brachte Robinson bei der Premiere einen regelrechten Lachsturm ein. Der Applaus am Ende sprach für sich.

Während alle (Ensemble) nach ‚Strandgut’ suchen, taucht auch Jack Favell (David Jakobs) am Strand auf und beobachtet, wie Rebeccas Boot geborgen wird.
Foto: © Björn Hickmann

‚‚Du wirst niemals eine Lady’ – „Ich“ (Antonia Kalinowski) und Mrs. Van Hopper (Amani Robinson)
Foto: © Björn Hickmann

‚I’m An American Woman‘ – Oberst Julyan (Martin Planz) wird von Mrs. Van Hopper (Amani Robinson) auserkoren
Foto: © Björn Hickmann

Alexandra Farkic und Florian Soyka als Maxims Kusine Beatrice und ihr Mann Giles geben ein schönes Paar ab. Mit Wärme, wenn auch erstaunt, nehmen sie „Ich“ als ‚Die lieben Verwandten‘ in die Familie auf. Beide überzeugen gesanglich und ihrem fröhlichen Spiel. Farkic bewegt mit ihrem sorgenvollen ‚Was ist nur los mit ihm‘. Zudem unterstreicht ihre Figur die Entwicklung der „Ich“, weil es diese ist, die Beatrice beruhigt, als diese sich sorgt, dass durch den Fund von Rebeccas Boot Maxim womöglich in Gefahr gerät.

‚Die lieben Verwandten’, Beatrice Lacy (Alexandra Farkic) und Giles Lacy (Florian Soyka) wollen Maxims neue Frau kennenlernen und suchen sie im Morgenzimmer,
Foto: © Björn Hickmann

Max Lochmüller liefert gesanglich mit dem elegischen ‚Sie’s fort‘ und im Schauspiel eine bewegende Darstellung des geistig zurückgebliebenen, liebenswerten Ben. Als „Ich“ voller Neugier am Bootshaus  auftaucht, versteckt er sich zunächst zwischen den Felsen, weil er sich vor ihr fürchtet. Doch sie ist freundlich zu ihm und nimmt ihm die Angst, ins Heim zu müssen; Rebecca hatte ihm das angedroht. Zum Schluss schenkt er ihr Muscheln und macht ihr Mut, zu bleiben.

Die Bühne des Opernhauses ist immer in Bewegung. An diesem Eindruck wirkt nicht zuletzt das 14-köpfige Ensemble mit. Das Theater besitzt eine Kooperation mit der Folkwang Universität Essen, von der junge Talente kommen, die sich auf diese Weise ausprobieren können.

Die jungen Darstellenden sind präsent und schlüpfen mit großer Spielfreude zu den Choreografien von Yara Hassan in verschiedenste Figuren, spielen Mitglieder der Gesellschaft von Monte Carlo und Ballgäste. Insbesondere als Zimmermädchen, Diener, Butler oder Gärtner auf Manderley beleben und bewegen sie die Szenen. Es ist eine Freude, den Musicalnachwuchs zu erleben.

‚Sie’s fort‘ – Ben (Max Lochmüller) betrachtet seine Funde aus dem Meeren
Foto: © Björn Hickmann

Fazit: Emotionale Intensität und handwerkliche Theatermagie

Das Theater Dortmund zeigt eine auf allen Ebenen überzeugende Inszenierung des Musicals „Rebecca“, die sich durch intelligente inhaltliche und musikalische Stückführung, gestaltende Choreografien, eine gelungene Zusammenarbeit der Gewerke von Ausstattung und Bühne auszeichnet. Dazu kommen die wunderbaren Dortmunder Philharmoniker, herausragende Darstellerinnen und Darsteller in den tragenden Rollen und ein spielfreudiges, talentiertes Ensemble. Nicht nur Sylvester Levay zeigte sich bei der Castvorstellung von diesem „Mehr“ überwältigt und Dr. Michael Kunze wies darauf hin, dass ein solches Theatererlebnis nur durch das Zusammenwirken von Kreativität, Fantasie und handwerklichem Können möglich wird. Sehr sehenswert! 

In den nächsten Tagen wird der Vorverkauf für drei Zusatzvorstellungen, eine im Dezember, eine im März und eine im April eröffnet werden. Damit wird „Rebecca“ 30 Vorstellungen am Theater Dortmund spielen.

Barbara Kern

‚Er verlor unerwartet seine Frau Rebecca/Petit Dejeuner’ – Ensemble
Foto: © Björn Hickmann

Rebecca - Das Musical

Kreativteam

Musik & Orchestrierung: Sylvester Levay
Buch & Liedtexte: Michael Kunze

Regie: Gil Mehmert
Musikalische Leitung: Carlos Vázquez P / Olivia Lee-Gundermann / Michael Shannon
Choreografie: Yara Hassan
Bühnenbild: Karl Fehringer & Judith Leikauf
Kostümbild: Falk Bauer
Maskenbild: Monika Knauer
Lichtdesign: Michael Grundner
Sounddesign: Joerg Gruensfelder
Dance Captain: Ivan Keim

Es spielen die Dortmunder Philharmoniker

Besetzung 

Ich: Antonia Kalinowski
Maxim de Winter: Mark Seibert P / Jan Ammann / Philipp Dietrich
Mrs. Danvers: Bettina Mönch
Jack Favell: David Jakobs P / Andreas Schneider
Edith Van Hopper: Amani Robinson
Beatrice Lacy: Alexandra Farkic
Giles Lacy: Florian Soyka
Ben: Max Lochmüller
Frank Crawley: Andreas Schneider P / Markus Schneider
Oberst Julyan: Martin Planz

Ensemble:
Eveline Gorter, Anna Elisa Abt, Alina Adam, Jeremy Dieter Allen, Jerome-Joseph Clemons, Sofia Elena Coretti, Isabella Kanini Fischer, Jan-Marten Gerve, Tamino Herzog, Marie Ploner, Lucia Prader-Pscheidl, Adriano Sanzó, Christina Verrieth, Tim Weidemann

Swing: Carina Leopold, Ivan Keim