Mr. Hyde (Phillip Franke) bereitet Lord Savage auf seine Abreise vor
Foto: ©Thore Nilsson
„Jekyll & Hyde“ am Schleswig-Holsteinischen Landestheater Flensburg
Ein großartig musizierter Wildhorn-Abend, dem die Inszenierung zu oft im Weg steht.
Ein Eisenkäfig beherrscht die Bühne, Dr. Jekyll zeigt auffallend häufig seinen Oberkörper, und aus dem Orchestergraben kommt Frank Wildhorns Musik mit beeindruckender Kraft. An starken Reizen mangelt es der Flensburger Produktion von „Jekyll & Hyde“ nicht. Was ihr fehlt, ist ausgerechnet das, was diese Geschichte so packend macht: die genaue Beobachtung eines Menschen, der die Kontrolle über sich verliert. Die US-amerikanische Regisseurin und Opernsängerin Julia Mintzer erhielt bereits Preise und Auszeichnungen im Bereich Opernregie, das Musicalgenre gehört zu den neueren ihrer Arbeiten.
Die Geschichte hat eine lange Bühnenreise hinter sich. Frank Wildhorn und Steve Cuden brachten ihr Musical nach Robert Louis Stevensons Erzählung 1990 erstmals am Alley Theatre in Houston heraus; 1997 erreichte es den Broadway. Am 19. Februar 1999 eröffnete die deutschsprachige Erstaufführung das Musical-Theater Bremen. Dietrich Hilsdorf führte damals Regie, Koen Schoots hatte die musikalische Leitung. Seitdem hat das Stück auch auf deutschsprachigen Bühnen viele Gesichter bekommen. Gerade deshalb darf eine neue Inszenierung an der Schärfe ihrer eigenen Idee gemessen werden.
Dr. Jekyll (Phillip Franke) ist begeistert von seinen Experimenten
Foto: ©Thore Nilsson
Der Klang trägt den Abend
Das Sinfonieorchester unter Jooan Mun spielt mit einer Fülle, die Wildhorns Partitur gut bekommt. Die großen Nummern entwickeln Zug, die stilleren Passagen haben musikalisch Raum zum Atmen. Hier liegen die überzeugendsten Momente des Abends. Auch der Chor und die Solisten zeigen stimmliche Qualität; Mareike Heyen gibt Lucy Harris besondere Kraft und Ausdruck und Ihrer Rollenfigur eine Entwicklung mit Profil, allein Ihre Darstellung ist eine Reise nach Flensburg wert! Dirk Audehm als John Utterson und Kai-Moritz von Blanckenburg als Sir Danvers Carew setzen mit ihren warmen Baritonstimmen eigene Akzente. Manuel Lopez zeigt als Lord Savage eine auffallend klare, gut verständliche Präsenz.
Verständlichkeit bleibt dennoch ein Problem der Flensburger Produktion. Die opernhafte Gesangsweise lässt viele Worte verschwimmen, ein unterstützendes Sounddesign war für mich kaum wahrnehmbar. Die deutschen Übertitel machen den Text zwar zugänglich, doch wer über der Bühne mitliest, verpasst Mimik und Begegnungen darunter. Auch die Sprachfassung klingt für mein Ohr stellenweise weniger geschmeidig als jene, die ich aus Bremen sowie späteren Aufführungen in Köln und Wien kenne. Die in Bremen als Melitta Edith genannte Übersetzerin war Susanne Dengler unter einem Pseudonym; in Flensburg sind Dengler und Eberhard Storz nun gemeinsam angegeben.
Ein Käfig für fast jede Szene
Danila Travins Bühnenbild rückt einen drehbaren Eisenkäfig ins Zentrum. Als Bild für Jekylls Gefangenschaft in der eigenen Seele ist das zunächst verständlich. Doch die Konstruktion muss zu viele Aufgaben übernehmen. Zwei Elemente an der Vorderseite werden wiederholt sichtbar von Hand geöffnet und geschlossen. Statt eines fließenden Übergangs zwischen Jekylls geordneter Welt und Hydes Abgrund sieht man vor allem, wie das Bühnenbild, teilweise manuell, bedient wird. Andere Lösungen mit drehbaren Räumen oder Projektionen hätten die Gegensätze womöglich präziser gezeigt. So wird die zentrale Idee nach und nach zur Routine.
Besonders empfindlich reagiert das Stück auf diese Mechanik in den Solonummern. Manchmal rollen Seitenelemente schon in einen musikalischen Schluss hinein und schneiden den Nachklang ab. Nach manchen großen Soli blieb an meinem Abend sogar der Applaus aus, als sei der Moment noch gar nicht zu Ende erzählt. Dazu kommt ein häufig grelles Licht, das die Figuren kaum einmal in eine wirklich intime Stimmung setzt. Die Musik lädt zur Nähe ein; die szenische Gestaltung hält jedoch das Publikum auf Abstand.
Die Kostüme ergeben ein ähnlich uneinheitliches Bild. Bei Lucy und Lord Savage gibt es einzelne schöne Stoffe und charaktervolle Entwürfe. Andere Kleidungsstücke erscheinen schlicht und sitzen wenig vorteilhaft, wie zum Beispiel die Ensemble Kostüme bei den asiatischen Darstellenden. Die Hochzeit verschenkt eine Gelegenheit: Ein Schleier über einem Kleid, das weiterhin wie ein Jägerkleid aussieht, schafft noch kein überzeugendes Brautbild. Eine Szene, die Jekylls gesellschaftliche Fassade auf ihren Höhepunkt treiben könnte, verliert dadurch an Wirkung.
Jekyll braucht mehr als einen freien Oberkörper
Philipp Franke singt die Doppelrolle mit Können und ist eine attraktive Bühnenerscheinung. Der häufig entblößte Oberkörper setzt ein deutliches Bild, doch nach einer Weile erzählt dieses Bild nichts Neues mehr. Weder zeichnet das den vornehmen Arzt seiner Zeit genauer, noch macht dies Hyde als dessen verstörendes Gegenüber kenntlich. Für den Wechsel zwischen beiden Persönlichkeiten bräuchte es eine klarere körperliche und spielerische Handschrift. Franke kann diese Figur tragen; die Regie lässt die entscheidende Verwandlung aber zu oft im Ungefähren.
Julia Mintzers Personenführung gibt auch den übrigen Darstellenden nicht immer genügend Halt. Häufig wird mit großem Nachdruck agiert, selbst wenn ein leiser Impuls die Szene stärker gemacht hätte. In Momenten, die von Gefahr, Begehren oder Misstrauen leben, konkurrieren Gesten und Bewegungen um Aufmerksamkeit. Manuel Lopez’ Choreografien für ,Mörder' und ,Fassade' sind dagegen schlüssig und stellen das überwiegend operngeprägte Ensemble vor eine anspruchsvolle, gut bewältigte Bewegungsaufgabe. Die Unruhe entsteht vor allem zwischen den Nummern, wenn Nebenfiguren aktiv bleiben, obwohl der Blick auf einen inneren Konflikt fallen müsste.
Mr. Hyde (Phillip Franke) begeistert mit schöner Stimme und wütet in Londons Straßen in denen die Statisterie und das Ensemble ums Überleben kämpft
Foto: ©Thore Nilsson
Fazit
Am Ende bleiben zwei Eindrücke nebeneinander bestehen: ein musikalisch reich beschenkter Abend mit starken Stimmen und eine Inszenierung, die ihren eigenen Figuren zu selten vertraut und die einfach in der Darstellungsweise zu unterschiedlich daherkommen. „Jekyll & Hyde“ braucht keine permanente Geschäftigkeit, um Schrecken auszulösen. Ein genauer Blick auf Jekylls Veränderung, ein bewusst gesetzter Schatten und ein ungestörter musikalischer Schluss hätten hier mehr bewirkt als der nächste Dreh von Bühnenelementen. Halb nackt steht der Doktor im Rampenlicht. Das Innere der Figur bleibt dabei erstaunlich oft verhüllt.
In Flensburg wollten man diesmal offensichtlich aus wenig Möglichkeiten sehr viel machen, hier wäre etwas weniger, aber dafür etwas mehr Klarheit in der Gesamtstruktur, mehr gewesen. Den Zuschauern hat es an dem Abend dennoch gefallen, was der Applaus belegte, sie betrachteten das Ganze vielleicht weniger aus der Musicalperspektive und sahen die Vorstellung durch eine ganz andere Brille. Ein Musiktheaterstück, das keine Oper ist, sollte dennoch durch die gesamte Besetzung verständlich sein.
Stefan Huebsch
Dieses Bild zeigt das Ensemble und die besprochenen Kostüme
Foto: ©Thore Nilsson
Jekyll & Hyde - Das Musical
Kreativteam
Musik: Frank Wildhorn
Buch & Liedtexte: Leslie Bricusse
Deutsche Fassung: Susanne Dengler & Eberhard Storz
Arrangements: Jason Howland
Orchestrierung: Kim Scharnberg
Musikalische Leitung: Jooan Mun
Inszenierung: Julia Mintzer
Choreografie: Manuel Lopez
Bühne und Kostüme: Danila Travin
Choreinstudierung: Alexander Stessin
Besetzung
Henry Jekyll / Edward Hyde: Philipp Franke
John Utterson: Dirk Audehm
Sir Danvers Carew: Kai-Moritz von Blanckenburg
Lisa, seine Tochter: Anna Avdalyan
Lucy Harris: Mareike Heyen
Simon Stride / Spider, ein Zuhälter: Mikołaj Bońkowski
Lady Beaconsfield / Nellie: Sarah Kuffner
Bischof von Basingstoke: Mikkel Skorpen
Lord Savage: Manuel Lopez
General Lord Glossop: Karol Malinowski
Sir Archibald Proops: Ruben Sevostianov
Poole, Haushälterin / Bisset, Apothekerin: Eva Eiter
Zeitungsjunge: Mayumi Sawada
Pfarrer: In-Hoo Choi
Statisterie: Hartmut Wedehase