Ks. Jörg Sabrowski (Albin (Zaza)) und die Cagelles
Foto: © Struck
Rezension der Wiederaufnahme am Opernhaus Kiel 2026
Man kann diesen Abend zunächst einfach genießen: die funkelnden Kostüme, die temperamentvollen Cagelles, Jerry Hermans mitreißende Musik und ein Orchester, das die Melodien zum Leuchten bringt. Doch die Kieler Wiederaufnahme von „La Cage aux Folles“ entfaltet ihren eigentlichen Zauber in den Momenten, in denen der große Auftritt einem verletzlichen Blick weicht. Dann wird aus der prachtvollen Show eine Geschichte, die erstaunlich nahgeht.
Georges und Albin führen in Saint-Tropez den Nachtclub „La Cage aux Folles“. Albin begeistert dort als Zaza das Publikum. Privat sind die beiden ein Paar und haben Georges’ Sohn Jean-Michel gemeinsam großgezogen. Als Jean-Michel seine Verlobte Anne und deren konservative Eltern zum Kennenlernen mitbringt, möchte er ausgerechnet Albin vor ihnen verbergen. Die Komödie nimmt Fahrt auf, während darunter eine schmerzhafte Frage liegt: Was bedeutet es, wenn die eigene Familie einen nur dann vorzeigen will, wenn man sich verstellt?
Die Vorlage stammt von Jean Poiret. Nach seinem Bühnenstück und der Verfilmung von 1978 schufen Harvey Fierstein und Jerry Herman die Musicalfassung, die 1983 in New York uraufgeführt wurde. Ihre Geschichte von Liebe, Familie und dem Recht auf ein selbstbestimmtes Leben hat ihre Kraft nicht verloren. Am Opernhaus Kiel wird sie mit Humor erzählt, ohne Albins Kränkung im Trubel verschwinden zu lassen.
Das Herz dieses Abends schlägt zwischen Albin und Georges. Kammersänger Jörg Sabrowski gibt Albin und Zaza Energie, Dramatik und eine Präsenz, der man sich kaum entziehen kann. Besonders stark ist ein Moment des Umziehens: Eben scheint noch alles Teil des Spiels zu sein, dann erstarrt sein Gesicht vor Entsetzen. Plötzlich sieht man den Menschen, den Jean-Michels Wunsch getroffen hat. Michael Müller-Kasztelan begegnet ihm als Georges mit großem Charme und einer Stimme, der man ausgesprochen gern zuhört. Ich habe „La Cage aux Folles“ schon in vielen Inszenierungen erlebt; dieses Paar überzeugte mich, weil zwischen beiden eine Beziehung spürbar wurde, die bis in die letzte Reihe trägt.
Konrad Furian trifft als Jean-Michel spielerisch und gesanglich den richtigen Ton, Lenya Gramß gibt Anne eine sympathische Präsenz. Fausto Israel gewinnt als Jacob im Verlauf des Abends immer mehr Raum und erhielt dafür sogarn Szenenapplaus. Auch die Familie Dindon bleibt in Erinnerung: Henry Nandzik macht aus Edouards Strenge und seinen Blicken eine herrliche komische Figur, während Kammersängerin Heike Wittlieb seiner Frau Gemahlin eine verspielte Seite verlieh.
(v.l.): Michael Müller-Kasztelan (Georges), Fausto Israel (Jacob), Henry Nandzik (Edouard Dindon) und Ks. Jörg Sabrowski (Albin (Zaza))
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Bernd Mottls Regie lässt diese Begegnungen lebendig werden und findet neben aller Situationskomik Platz für die Gefühle der Figuren. Wie viel eine Kostümidee erzählen kann, zeigt Frank Lichtenberg mit den Frackanzügen: Von vorne wirken sie vertraut, nach einer Drehung geben sie hinten weite Rückenausschnitte frei. Ein Perspektivwechsel, der Spaß macht und wunderbar zu diesem Stück passt. Dazu kommen Zazas überwältigendes Silberkleid mit dem großen funkelnden Kopfschmuck, individuell gestaltete Cagelles und ein Brummerkostüm für Dindon, das seinen eigenen Witz besitzt. Die Kostüme sind glitzernd und traumhaft schön, doch sie geben den Figuren auch Charakter.
Christoph Jonas’ Choreografie lässt die Cagelles gemeinsam strahlen, ohne ihre einzelnen Persönlichkeiten einzuebnen. Unvergesslich ist das Bild, in dem sie wie Vögel auf einer Stange sitzen und schaukeln. Friedrich Eggerts Bühne schafft mit großen goldenen Vorhängen und Wänden den passenden Rahmen für diesen Club. Verspielte Details sorgen immer wieder für Entdeckungen, darunter eine griechische Figur mit überraschend ausklappbarem Geschlechtsteil. Auch die Übergänge des Abends fließen; die Dramaturgie
verantwortet Hannah Naima Metz.
Im Orchestergraben war ein weiterer Höhepunkt zu erleben. Das Philharmonische Orchester Kiel spielte unter Moritz Caffiers musikalischer Leitung mit Schwung, Präzision und hörbarer Freude. Ebenso eindrücklich waren die stilleren Passagen: Bei ,Sieh mal dorthin' bekam ich erneut Gänsehaut. Einen kleinen Wunsch ließ die Klangbalance offen. Gerade in den Ensemblenummern hätten die verstärkten Stimmen einen Tick lauter sein dürfen, damit jedes Wort mühelos beim Publikum ankommt.
Was von dieser Wiederaufnahme bleibt, ist das Gefühl eines rundum gelungenen Theaterabends. Die Show hat Glanz und Witz, das Ensemble Spielfreude, die Musik Wärme. Und mitten darin steht Albin mit seinem Wunsch, als der Mensch gesehen zu werden, der er ist. „Ich bin, was ich bin“ klingt nach dieser Kieler Aufführung noch lange nach. Dieser „Käfig voller Narren“ lässt seine Figuren und sein Publikum für einen Abend frei fliegen.
Stefan Huebsch
Ensemble
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La Cage aux Folles - Das Musical
Kreativteam
Musik und Gesangstexte: Jerry Herman
Buch: Harvey Fierstein
Deutsche Fassung:
Regie: Bernd Mottl
Musikalische Leitung: Chenglin Li | Moritz Caffier | Constantin Schiffner
Choreografie: Christoph Jonas
Bühne: Friedrich Eggert
Kostüme: Frank Lichtenberg
Dramaturgie: Hannah Naima Metz
Besetzung am 26.09.2026
Albin (Zaza): Ks. Jörg Sabrowski
George: Michael Müller-Kasztelan | Daniel Prohaska
Jacob: Fausto Israel
Jean-Michel: Konrad Furian
Anne Dindon: Lenya Gramß | Laura Mahrla
Edouard Dindon: Henry Nandzik
Marie Dindon: Ks. Heike Wittlieb
Francis: Eirik Behrendt | Strato Stavridis | Marko Gebbert | Philipp von Schön-Angerer
Jacqueline: Barbara Raunegger | Stephanie Theiß
Phaedra: Tobias Stemmer | Simon Lausberg
Hanna von Hamburg: Tayler Davis
Chantal: Loreley Rivers | Connor Collins
Mercedes: Julian Quijano
Cagelle 1 + Dance Captain: Antoine Banks-Sullivan | Connor Collins
Cagelle 2: Yannick Illmer
Cagelle 3: Tim Grimme
Cagelle 4: Antoine Banks-Sullivan | Stephen Dole | Connor Collins