„Footloose“ vom JUSM in Wiesbaden – Tanzen als Ausdruck von Freiheit

Veröffentlicht am 29. September 2026 um 23:26

Ensemble Junges Staatsmusical Wiesbaden; Mitte: Ren (Tim Speckhardt) und Mitte r. Ariel (Denia Gilberg)
Foto: ©Folker Gratz

„Footloose“ im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden vom Jungen Staatsmusical Wiesbaden

Tanzen ist Ausdruck von Freiheit: Freiheit, zu leben, wie man möchte, Grenzen und Regeln zu hinterfragen, Freiheit zu lieben, wen man möchte, Freiheit, sich sicher zu fühlen und nicht zuletzt, die Freiheit, Lebensfreude zu zeigen. Das ist die Aussage der Wiesbadener Inszenierung von Iris Limbarth für das Junge Staatsmusical des Staatstheaters Wiesbaden, die diese zuvor bereits erfolgreich für die Freilichtbühne Meppen konzipierte.

Dass unter den "Stars und Stripes" die Freiheit gerade sehr gefährdet ist, macht das Musical „Footloose“ über das Verbot des Tanzens aktueller denn je. Die Gefährdung der Freiheit wird direkt zu Beginn der Vorstellung ins Bild gesetzt mit einem Trio aus: Fackelträgerin, Frau mit 7-zackiger Krone und Trägerin der Tafel mit dem Datum der Unabhängigkeitserklärung, welches unter der amerikanischen Nationalflagge steht. Dieses Footloose Girls Trio – dreistimmig, aber wie eine Einheit: Sophie Plotnikov, Alissa Volk (eingesprungen für Pauline Steinmüller), Karina Fedorko – tritt im Verlauf der Handlung in verschiedenen Kostümen auf, warnt oder stellt zentrale Fragen.

Die Erzählebenen und die Protagonisten der Inszenierung

Das Musical erzählt die Geschichte von Ren McCormack (gesanglich und tänzerisch gleichermaßen stark: Tim Speckhardt), dessen Vater die Familie verlässt. Die alleinerziehende Mutter Ethel McCormack (als ziemlich harte alleinerziehende Mutter zwischen Anpassung und Liebe zum Sohn: Meike Roth) sieht keinen anderen Ausweg, als von Chicago, wo Ren glücklich ist, zu ihrer Schwester Lulu Warnicker (Sofia Presutti, etwas überdrehte Tante, die versucht Konflikte zu entschärfen) und deren Mann Wes Warnicker (streng und ständig kurz davor, zu explodieren: Lennart Kalkhof) nach Bomont zu ziehen. Dort bestimmen die Predigten von Reverend Shaw Moore (intensive Darstellung, geht beeindruckend an die Grenzen: Dwayne Besier) das Leben, der unter dem rosa Kreuz gegen das Trinken von Alkohol, gegen laute Rockmusik und andere Exzesse wettert.

Bereits an seinem ersten Tag in der Schule erfährt Ren, dass im ganzen Bezirk das Tanzen verboten ist und macht sich unbeliebt, als er die Schüler zum Tanzen animiert. Ren nimmt das Verbot nicht ernst, hört Rockmusik, lobt Bücher, die im orthodoxen Bomont auf dem Index stehen, wie beispielsweise „Schlachthof 5“, und hinterfragt die Regeln. Nach und nach gilt er als verdächtiger Querulant und verliert fast alle Jobs, die ihm sein Onkel verschafft. Ihm wird vorgeworfen, Geld aus der Kasse stehlen zu wollen einfach, „weil er verdächtig wirkt“.

In der Wiesbadener Inszenierung übernehmt das Footloose Girls Trio die Rolle des Warners vor der Gefahr durch Bespitzelung: „weil’s irgendwer sieht“. So erfährt Reverend Moore, dass sich seine Tochter Ariel (stark und verletzlich zugleich und voller Energie: Denia Gilberg) sich mit Ren trifft. Pfarrerstochter Ariel sucht schon länger die Gefahr und hat sich ausgerechnet mit Chuck Cranston (Felipe Salazar) eingelassen, einem Kleinkriminellen und Drogendealer. Das wurde nicht gern gesehen, aber den Umgang mit Ren verbietet der Vater ihr rigoros. Damit stößt er seine Tochter noch weiter von sich. Seitdem bei einem Unfall auf dem Rückweg von einer Party zusammen mit mehreren jungen Leuten aus Bomont auch sein geliebter Sohn umgekommen ist, lässt er niemanden mehr an sich heran. 

Ren McCormack (Tim Speckhardt)
Foto: ©Folker Gratz

Darunter leiden Tochter und Ehefrau, Vi Moore (bewegende Darstellung von Katharina Hoffmann, insbesondere im Zusammenspielt mit Dwayne Besier in ‚Can You Find It In Your Heart‘ und der Reprise des Songs). Vi Moore hält an der Hoffnung fest, dass ihr Mann erkennt, dass er es durch seine Strenge und Verbote nur noch schlimmer macht. Sie appelliert zunächst erfolglos an sein Herz.

‚Can You Find It In Your Heart‘ - Vi Moore (Katharina Hoffmann) und Reverend Shaw Moore (Dwayne Besier)
Foto: ©Folker Gratz

Ren hat seinen Vater verloren, Ariel den ihren und ihren Bruder, der vom Vater seliggesprochen wurde, aber zuhause totgeschwiegen wird. Diese Kombination von Wut und Trauer verbindet beide und Ariel lässt Ren hinter ihre Fassade schauen. Das bringt ihr Schläge ihres Ex ein, verbindet beide aber noch mehr.  Ren setzt sich für sie sogar gegenüber ihrem Vater ein. Ariel fühlt sich erstmals wieder wahrgenommen und geliebt. Sie erzählt ihm von ihrem toten Bruder und Liebe entsteht: ‚Almost Paradise‘. Denia Gilberg und Tim Speckhardt harmonieren hier sehr gut.

Als Ren an seiner Rede für den Stadtrat verzweifelt, hilft sie ihm. Er möchte den Stadtrat überzeugen, das Tanzverbot aufzuheben, um die Erlaubnis für einen Schulball zu erwirken. Doch Reverend Shaw hat die Mitglieder instruiert. Die Hüter von Gesetz und Ordnung, die immer wieder auftauchen, ob sie Ren auf der Straße maßregeln oder ihn abends bei seinem Onkel angehen, bewachen hier die Tagung des Stadtrats und unterstützen bedrohliche "Big Brother is watching you"-Stimmung in Bomont (Polizist Jim: Christoph de Blumenhagen Reinheimer, Polizistin Jaqueline: Elena Simeonova).

Chuck Cranston (Felipe Salazar, l.) macht Ariel (Denia Gilberg, 2.v.l) klar, dass ihr nichts Besseres passieren konnte als er, mit seinen Freunden v.l.: Lyle (Nis Hansen) und Travis (Elia Justus Schreiber)
Foto: ©Folker Gratz

Als sich Vi Moore vor allen auf Rens Seite schlägt: „Tanzen ist kein Verbrechen“, riskiert sie den endgültigen Bruch mit ihrem Mann. Ren reißt in seiner Wut die „Stars and Stripes“ herunter. Er resigniert, glaubt, den Kampf um die Freiheit verloren zu haben. Endlich bricht auch Rens Mutter ihr Schweigen und macht ihm Mut, noch einmal mit Reverend Shaw zu sprechen.

Ren öffnet sich ihm auf dem Friedhof – eine bewegende Szene mit Grabsteinen im Bühnenbild (Britta Lammers) – und macht ihm klar, dass er seinen Vater verloren hat. Ariel dürfe das nicht erleben. Er zwingt Moore zur Auseinandersetzung mit seinem eigenen Lebenskonstrukt, mit dem er alle, die ihn lieben, bestraft und weggestoßen hat: ‚Heaven Help Me‘. Mehrstrahliges Licht beleuchtet von oben seine Entscheidung, seinen Sohn endlich loszulassen.

Die Rolle von Rens erstem und besten Freund in Bomont, Willard Hewitt, verkörpert herrlich tragikomisch Jan Rieß, der die Entwicklung vom linkischen Jungen zum starken Kerl, der beweist, dass er sein Herz am rechten Fleck hat, überzeugend zeigt. Tanzen wird bei Willard zur Befreiung. Er setzt sich für Ren ein und bekommt endlich gegenüber seiner angebeteten Rusty (Leonie Willms, präsent und mit guter Stimme) den Mund auf.

Die Rolle der Rusty selbst ist leider etwas klischeehaft dümmlich angelegt. Das gilt auch für beiden anderen Cheerleader-Freundinnen von Ariel, Urleen (Angelina Krauß) und Wendy Jo (Marei Bärwas), was etwas schade ist. Sie bilden die Schablone, von der sich die Figur der Ariel abhebt.

In mehreren Rollen begeistert Linus Weinbrenner als absolut ekelhaft fieser Coach Roger Dunbar, Countrysänger- und Tänzer Cowboy Bob und vor allem als couragierte Inhaberin des Bastburger, von der Ren nicht gleich wieder gefeuert wird. Seine Darstellung der Betty Blast, die etwas an Dame Edna Everage von Komiker Barry Humphries erinnert, wird mit Lachen und Szenenapplaus belohnt.

Rens Mutter Ethel McCormack (Meike Roth) ermutigt ihren Sohn Ren (Tim Speckhardt) Mut zu, mit Reverend Moore (im Hintergrund oben: Dwayne Besier) zu sprechen
Foto: ©Folker Gratz

Schnell Freunde: Willard Hewitt (Jan Rieß) und Ren McCormack (Tim Speckhardt)
Foto: ©Folker Gratz

Fassung, Bühne, Kostüme und Freiheit des Tanzes 

In Wiesbaden wird die komplett deutschsprachige Fassung von Hauke Jensen gespielt, die im ausverkauften Kleinen Haus des Staatstheaters der exzellenten Stimmung in der besuchten Vorstellung keinen Abbruch tat. Dass Sprachbrüche manchmal nicht zu vermeiden sind oder sogar gezielt eingesetzt werden, mag verständlich sein. Ich persönlich ziehe eine Vorstellung ohne Sprachbrüche vor. Hauke Jensens Übersetzung wurde gut verständlich gesungen und wirkte mit einigen Abstrichen schlüssig.

Das bestimmende Element des Bühnenbilds von Britta Lammers ist neben der bestuhlten Kirche, die auch den Stadtrat beherbergt, die Autobahnbrücke bzw. der obere Bogen mit den herabführenden Stahltrassen am Fluss, in den das Unfallauto stürzte. Hier öffnet sich Ariel Ren und beide schreien buchstäblich ihre Trauer und Wut heraus und hier erzählt Ariel Ren auch erstmals von ihrem Bruder, in dessen Andenken sie Graffiti-Poesie angebracht hat. Ein paar Spinde und eine Telefonzelle stehen für das Schulgebäude, verschiebbare Wagen werden per Hand auf die Bühne gefahren und bieten der Mau-Mau-Runde bei Wes Warnicker Platz. Weitere Spielorte sind Betty Blasts Burgerladen und der Countryclub außerhalb von Bomont, an den Ren seine neuen Freunde bringt, um ihnen zu zeigen, dass Tanzen Leben und Lebensfreude bedeutet.

Diesem Gefühl geben die Choreografien von Iris Limbarth Ausdruck. Da wird im 8-köpfigen Ensemble, das die ohnehin schon zahlreichen Rollen unterstützt und in der nächsten Vorstellung häufig eine der tragenden Rollen spielt, gedreht und gesprungen, die Arme weit ausgebreitet. Die Freiheit des Tanzes wird geradezu zelebriert. Einzig im „größten Tanzpalast“ des County, dem Country-Club, wo Line Dance auf Street Dance und Boogie trifft, ist das Tempo eher moderat. Das gilt an diesem Abend auch für den Auftritt von Emma Fähndrich als elegante Countrysängerin Irene. Das Tempo steigert sich erst, als Willard sich, angestachelt vom Cowboy und Ren als Naturtalent im Tanzen entpuppt.

Nancy Nostradamus (Gayle Tufts, Mitte) mit Ensemble und Nick Bottom (Christopher Bolam, vorne links)
Foto: ©BHF/Johannes Schembs

Rusty (Leonie Willms) und ihr Willard Hewitt (Jan Rieß) mit Ensemble
Foto: ©Folker Gratz

Iris Limbarth kontrastiert die zentrale Coming-Age-Geschichte von Ariel und Ren und die schmerzliche Auseinandersetzung des Reverends mit seiner Tochter und mit seiner Ehefrau mit Szenen voller Komik. Ein Highlight bildet der Auftritt der vier Heros in ‚Holding Out For A Hero‘. Während Ariel und Ihre Freundinnen in Betty Basts Burgerladen von ihren Wunschmännern träumen; „Wer will mein Held sein?“, tanzen Superman, Elvis Presley, Legolas und Harry Potter auf den Tischen.

Die Kostüme von Heike Korn unterstreichen die Charaktere. Sie unterstreichen die Strenge des evangelischen Predigers, wobei dieser hier evangelisches Beffchen und katholischen Kollar trägt. Der hochgeschlossene Mantel und Kleid der Pfarrersgattin passen ins Bild, während Rens Mutter Jeans trägt. Das Kostüm der Frau von Coach Dunbar ist das schon wesentlich schicker à la Jackie Kennedy. Dass Tim Speckhardt als Ren ein Shirt mit der Aufschrift „Break Your Limits/ No Excuses Only Progress/ Each Grows When Comfort Ends” trägt, ist Programm. Ariel fällt durch ihre Kleidung als Rockerbraut in Schwarz-Rot auf und ist auch sonst eher freizügig gekleidet als Rebellin. Bauchfreiheit zeichnet die Mädchen bei Unternehmungen in Bomont generell aus. Möglicherweise soll dies heißen, dass sie sich dann wenigstens in diesem Punkt „frei“ fühlen.

Das Tanzverbot von Bomont beruht auf dem tatsächlichen Tanz-, Rock- und Alkoholverbot von Elmore City im US-Bundesstaat Oklahoma, gegen das 1980 die Jugendlichen aufbegehrten und forderten, bei ihrem Abschlussball tanzen zu dürfen. Diese Begebenheit inspirierte 1984 Dean Pitchford zum Drehbuch des Musikfilms „Footloose“, mit Musik von Tom Snow. Weitere Musik bei steuerten Eric Carmen, Sam Haggar, Kenny Loggins und Jim Steinman bei. Die Bühnenfassung schrieb er gemeinsam mit Walter Bobbie.

Musikalische Umsetzung und Botschaft des Abends

Angeführt von ihrem Musikalischen Leiter Frank Bangert am Keyboard 1, sorgt die Band aus Ulrich Bareiss (Keyboard 2), Holger Dietz (Drums), Patrick Hoss (Gitarre), Eduardo Sabella und Christian Spohn (Bass) und Bodo Christman (Reeds) für Rock’n’Roll und Atmosphäre. Da die Band im Hintergrund auf der Bühne platziert ist, ist die Berührung mit den singenden und tanzenden Akteuren offensichtlich auch für diese mitreißend. Beim Schlussapplaus strahlten sie mit den jungen Darstellern um die Wette. Das begeisterte Publikum verlangte nach dem Mega-Mix noch eine Zugabe von den adrenalinerfüllten Darstellerinnen und Darstellern und bekam es.

Am Ende des Abends nahmen die Zuschauer die Botschaft mit: „Wenn es eins gibt, für das es sich zu kämpfen lohnt, dann ist es die Freiheit!“ Und Tanzen ist Ausdruck von Freiheit.

Barbara Kern

Cast und Ensemble von "Footloose" im Finale 
Foto: ©Folker Gratz

Footloose - Das Musical

Kreativteam

Musik & Orchestrierung: Tom Snow
Buch & Liedtexte: Dean Pitchford
Buch: Walter Bobbie
Weitere Musik: Eric Carmen, Sam Haggar, Kenny Loggins und Jim Steinman 
Deutsche Fassung: Hauke Jensen

Inszenierung & Choreografie: Iris Limbarth
Musikalische Leitung: Frank Bangert
Bühnenbild: Britta Lammers
Kostüme: Heike Korn

Musikalische Einstudierung: Ulrich Bareiss
Choreografische Assistenz: Angelina Krauß
Regieassistenz: Anastasia Bechtold
Kostümassistenz: Ivet Duran Murillo

Besetzung der Vorstellung am 27.09.206

Ren McCormack: Tim Speckhardt
Ariel Moore: Denia Gilberg
Reverend Shaw Moore: Dwayne Besier
Vi Moore, Mutter von Ariel: Katharina Hoffmann
Willard Hewitt: Jan Rieß
Rusty, Freundin von Ariel: Leonie Willms
Ethel McCormack, Mutter von Ren: Meike Roth
Chuck Cranston: Felipe Salazar
Urleen, Freundin von Ariel: Angelina Krauß
Wendy Jo, Freundin von Ariel: Marei Bär
Coach Roger Dunbar | Cowboy Bob | Betty Blast: Linus Weinbrenner
Lyle, Freund von Chuck | Cowboy 1 | Legolas: Nis Hansen
Travis, Freund von Chuck | Cowboy 2: Elia Justus Schreiber
Eleanor Dunbar, Frau des Coach | Irene, Countrysängerin: Emma Fähndrich
Footloose Girls, Trio: Sophie Plotnikov/Alissa Volk/Karyna Fedorko
Lulu Warnicker, Tante von Ren: Sofia Presutti
Wes Warnicker, Onkel von Ren: Lennart Kalkhof
Prinzipal Clark | Ensemble: Lars Hofmann
Polizist Jim: Christoph de Blumenhagen Reinheimer
Polizistin Jaqueline: Elena Simeonova
Jeter | Peter: Matteo Sellei
Bickle | Miles, Freund von Ren | Elvis: Jan Riewe
Garvin, Freund von Ren | Harry Potter: Tim Theuerkauf

Ensemble: Lilli Trosien. Viktoria Reese, Achim Ströde, Timur Hökelekli, Anna-Lea Baltes, Linda Sandretto, Emma Fähndrich, Alissa Volk, Winta Tewelde